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beschissatlas

Auf dem Fußboden liegt eine Golfmatte. Daneben steht ein Glas, gefüllt mit einer sprudelnden Flüssigkeit. Vielleicht Champagner? An der Wand hängen Bilder von Yachten. Eine Person mit Businessschuhen spielt Bürogolf mit einem Ball, der aussieht wie eine Erdkugelminiatur. Ein Geschäftsmann, der mit unserem Planeten spielt, während er dem Luxus frönt. Im wahrsten Sinne ein „Global Player“.
So könnte man die Illustration deuten, die man im „Beschissatlas“ von Ute Scheub und Yvonne Kuschel entdecken kann. Das Buch voller „Zahlen und Fakten zu Ungerechtigkeiten in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt“ erweckt den Eindruck, als würden Arbeits-, Ernährungs-, Verteilungs-, Geschlechter-, Migrations-, Klima- oder Rüstungsfragen oft mit Beschiss beantwortet.
Die Fakten, die auf 400 Quellen basieren und eine ungeahnte Vielfalt von Fehlentwicklungen zeigen, sind originell illustriert. Die Zeichnungen lockern die schwer verdaulichen Informationen nicht nur optisch auf, sondern bringen sie auch auf den Punkt. Zum Beispiel die Abbildung einer Ortschaft mit Wohnhäusern und einer Kirche. Die fleißigen Einwohner pflegen akkurat die Umfriedungen ihrer Eigenheime. Die Hecken, die sie verschneiden, haben die Form von Hakenkreuzen. Darunter stehen die nackten Zahlen: Mehr als ein Viertel der Deutschen stimmen ausländerfeindlichen Parolen zu. An die Überlegenheit ihrer Landsleute gegenüber anderen Völkern glaubt jeder Fünfte und 13 Prozent befürworten einen „starken Führer“.
Der „Beschissatlas“ zeigt, wo Betrug stattfindet, nämlich überall. Er ist kein Kartenwerk im geographischen Sinne, enthält aber einen Lageplan der Gesellschaft und gibt Wege als Alternativen zur aktuellen Fahrtrichtung an. Jeder EU-Bürger benutze beispielsweise im Schnitt 500 Plastiktüten pro Jahr. Seit in Irland Plastiktüten mit 22 Cent besteuert werden, sank der Jahresverbrauch um über 90 %. Mehr als sechs Millionen Deutsche gehen regelmäßig ins Fitnessstudio. Sie könnten eine ganze Stadt mit Licht versorgen, würde man die mit Fahrrad-Ergometern erzeugte Energie ins Stromnetz einspeisen. Eine Fregatte 125 kostet die Bundesregierung 650 Millionen Euro. Mit dem Geld könnten in Afghanistan Schulen für neun Millionen Kinder neun Jahre lang betrieben werden.
Beschiss ist eine vorsätzliche Täuschung. Er setzt die Existenz des Bewusstseins dafür voraus, dass es auch anders ginge. Das Buch gibt genügend Anhaltspunkte, anders zu denken und anders zu handeln.  Spätestens, wenn der Schampus leer und der Ball versenkt ist, wird auch der „Global Player“ erkennen,  dass wer mit der Erdkugel spielt, nur Eigentore fabriziert.

(Der Beitrag ist nachzulesen im NOTausgang, Nr. 3/2013.)

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Als Marie Rosine, Frau des Johann Kahlert aus Börthen bei Neustadt an der Orla, am Mittag des 4. November 1830 nach Hause kam, bot sich ihr ein Bild des Schreckens. Ihre elfjährige Tochter Christiane Wilhelmine lag in einer Lache aus Blut und mit dem Gesicht nach unten leblos auf dem Boden der Wohnstube. Sie hatte schwere Kopfverletzungen und eine tiefe Schnittwunde am Hals.

Am Morgen war ein Fremder in das Haus der Familie Kahlert gekommen, die den Gemeindeschank gepachtet hatte. Das Haus befand sich am Fußweg, der von Neustadt über Börthen nach Roda führte, in Nachbarschaft zum Hausgrundstück Nr. 9 (heute Sandweg 2). Der junge Mann fragte nach Branntwein und kaufte Brot. Als Marie Rosine nach Neustadt zur Arbeit aufbrach, ließ sie ihre Tochter mit dem Fremden allein, denn auch der Vater, Handarbeiter in Neustadt, war schon aus dem Haus. Die Annehmlichkeit der warmen Stube nutzend, bestellte der Fremde noch einige Gläser Bier und Schnaps. Als er dem Mädchen mangelndes Zahlungsvermögen gestand, kam es zum Streit, in dessen Verlauf er auf den Kopf der Kahlertschen Tochter einschlug und ihr den Hals durchschnitt. Daraufhin durchsuchte er die Kammern nach Schnapsvorräten, fand auch einiges Geld und Kleidungsstücke, die er aber blutverschmiert zurückließ.

Dem Mörder fielen bereits zwei Tage zuvor die hochschwangere Maria Rosine Wetzel aus dem Dorf Märien (im Fürstentum Reuß-Greiz) und ihr ungeborenes Kind zum Opfer. Mit Beil, Meißel und Messer hatte er der jungen Frau schwere Verletzungen an Kopf und Hals zugefügt. Das Kind konnte trotz eilig ausgeführten Kaiserschnitts nicht gerettet werden.

Der Täter floh über Roda bis nach Jena. Dort wurde Karl Wilhelm Oertel aus Möschlitz (heute Ortsteil von Schleiz) in einem Gasthof festgenommen. Er gestand die Morde.

Oertels Vater war der Besitzer der Möschlitzer Fallmeisterei und zugleich Scharfrichter. Karl musste seinem Vater schon im Alter von zehn Jahren zur Hand gehen und gemeinsam mit seinem Bruder die Leichname von Selbstmördern wegschaffen. Auch nach dem Tod seines Vaters arbeitete Karl Oertel in diesem anrüchigen Gewerbe. Bereits zweimal wegen Diebstählen und Betrügereien mit Peitschenhieben, Arbeits- oder Zuchthaus bestraft, wurde er im Oktober 1830 vom Schleizer Scharfrichter Mai entlassen. Fortan trieb er sich in der Gegend herum, gab sein Geld für Branntwein aus und wurde wenige Tage später zum dreifachen Mörder.

Nach seiner Festnahme und den anschließenden Verhören wurde Oertel ins Gefängnis auf der Osterburg in Weida gebracht, wo im Jahr darauf Richter Karl Ernst Hickethier das letzte Todesurteil des Criminalgerichtes auf der Osterburg fällte. Obwohl die großherzogliche Regierung angewiesen hatte, den Hinrichtungstag so lange wie möglich geheim zu halten, strömten Menschenmassen zu Fuß, mit Pferd, Karren oder Leiterwagen zum Richtplatz. Mit großem Aufwand musste die Urteilsvollstreckung vorbereitet werden, was nicht geheim bleiben konnte. Die Schützenkompanie leistete Tag und Nacht Wach- und Patroulliendienst, die Feuerwache wurde auf das Doppelte verstärkt. Bäcker und Fleischer sollten die Lebensmittelversorgung gewährleisten. Wirte und Herbergsväter der damals 2500 Einwohner zählenden Stadt mussten auf den Menschenansturm vorbereitet werden. Die Nachricht vom bevorstehenden Ereignis hatte sich wie im Fluge verbreitet.

Am 19. Februar 1833, einem Dienstagmorgen, wurde Karl Wilhelm Oertel auf einer Hochebene nahe Weida aufs Schaffott geführt.
Um 9 Uhr vollstreckte der Scharfrichter Christian Binder aus Eisenberg vor 20 000 Schaulustigen das Urteil mit dem Schwert. Die Hinrichtung des Fallknechts Karl Wilhelm Oertel vor 180 Jahren war die letzte öffentliche Hinrichtung in Weida.

(Dieser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 26.7.2013)

Quellen:

Annalen der deutschen und ausländischen Criminal=Rechtspflege. Dreizehnter Band. Altenburg 1840.

Bankwitz, Alfred Robert: Sensation in Weida vor 100 Jahren. In: Weidaer Geschichtsblätter für Geschichte und Heimatkunde der Stadt Weida und ihrer Umgebung. Nr. 4, Juli 1937.

Neustädter Kreisbote, 06.11.1830.

Neustädter Kreisbote, 13.11.1830.

Neustädter Kreisbote, 23.02.1833.

Neustädter Kreisbote, 25.12.1912.

Thüringer Kriminalchronik hingerichteter Verbrecher. Nach den Akten und von ihren Wärtern erzählt. Arnstadt/Leipzig 2006.

Kirchenarchiv Neustadt an der Orla

„Nur wer träumt, ist frei.“ heißt ein Buch von E. W. Heine. Die Aussage ist umso schlüssiger, je länger man darüber nachdenkt. Wer fühlt sich schon wirklich frei? Frei von Zwängen, frei in den eigenen Entscheidungen, frei von Konsequenzen?
Es gibt Menschen, für die Freiheit nur ein Wort ist, das sie kaum imstande sind, zu definieren. Einer von ihnen ist Shin Dong-Hyuk, dem die Unfreiheit schon in die Wiege gelegt wurde. Geboren 1982 als Sohn politischer Häftlinge, wuchs er im nordkoreanischen Umerziehungslager Kaech’On auf. Mit sechs Jahren begann die Zwangsarbeit. Hunger, Gewalt, Willkür der Wärter, Folter und Hinrichtungen gehörten zum Alltag. Shin stand mit seinem Vater in der ersten Reihe, als seine Mutter und sein Bruder hingerichtet wurden. Mit 23 Jahren gelang ihm die Flucht aus dem Lager. Nicht der Freiheit wegen. Das Verlangen nach Essen, den Speisen, die er nur vom Erzählen der Mithäftlinge kannte, waren sein Antrieb. Im Dokumentarfilm „Camp 14 – Total Control Zone“ von Marc Wiese berichtet Shin, der heute als Menschenrechtsaktivist um die Welt reist, aus seiner Vergangenheit. Der Film zeigt einen erinnerungserschöpften jungen Mann, der still vor einer Treppe in seiner sparsam eingerichteten Wohnung kauert und nach Redepausen verlangt. Aber auch einen Mann, der acht Jahre nach seiner Flucht aus dem Lager noch nicht in der Freiheit angekommen ist, weil ihn die Abhängigkeit vom Geld zu sehr belastet. „Camp 14“ gewann fünf Filmpreise, war auf 30 Festivals zu sehen und auf Initiative der Attac-Regionalgruppe und des Kassablanca auch in Jena.

(Der Beitrag ist nachzulesen im NOTausgang, Nr. 3/2013.)

Hans-Eckardt Wenzel und Antje Vollmer 2012 in der Stadtbibliothek Neustadt an der Orla

Hans-Eckardt Wenzel und Antje Vollmer 2012 in der Stadtbibliothek Neustadt an der Orla

Beim Blick in das Programm der IMAGINATA fiel mir eine Veranstaltung besonders ins Auge. Am 21. November kommt Antje Vollmer nach Jena, um ihr Buch „Doppelleben“ vorzustellen. Begleitet wird sie vom Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel, der für musikalische Einlagen sorgt. Diese Mischung aus Musik und Text verspricht eine ganz besondere Wirkung.
Antje Vollmer widmet sich in ihrem Buch Heinrich Graf Lehndorff und dessen Frau Gottliebe. Deren Anwesen im ostpreußischen Steinort lag nur wenige Kilometer von Hitlers Wolfsschanze entfernt. Ein Flügel ihres Schlosses wurde ab 1941 von Reichs-Außenminister von Ribbentrop bewohnt. Gleichzeitig waren die Lehndorffs enge Vertraute des Kreises um die Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944. Ein gefährliches Doppelleben.
Beim Lesen des Buches fragte ich mich immer wieder: Warum ist dieses Kapitel des Widerstands so wenig bekannt und fand in der Aufarbeitung deutscher Geschichte bisher wenig Beachtung? Die Antwort darauf liegt wahrscheinlich in der weiteren Entwicklung der beiden Deutschen Staaten begründet. Die Lehndorffs mit ihrer aristokratischen Herkunft und dem hohen sozialen Status taugten nicht als Widerstandsidole im Arbeiter- und Bauernstaat.
In der BRD fand die Aufarbeitung der NS-Zeit nur marginal statt. Die 68er-Bewegung, in der Jugendliche ihre Elterngeneration kritisch be- und hinterfragten, bediente sich vorwiegend linken Ideologien. In diese passten die Lehndorffs ebenso wenig hinein.
Nun nach fast 70 Jahren leistet Antje Vollmer mit ihrer Doppelbiografie einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung, den sie ihrem Publikum auch im direkten Kontakt gekonnt vermittelt.

(Der Beitrag ist nachzulesen im NOTausgang, Nr. 3/2013.)

„Er redet ungern über sich selbst; das, was er zu sagen hat, stellt er lieber auf der Bühne dar oder drückt es mit Dichterworten aus […].“, beginnt ein Beitrag zum 40-jährigen Bühnenjubiläum von Gerhard Rachold im „Neuen Tag“ vom 6. September 1989.

Einige Neustädter werden ihn noch kennen, ist er doch hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und kam auch nach seinem Wegzug immer wieder gern in seine Heimatstadt zurück. In den Erinnerungen seiner Neustädter Bekannten ist Gerhard Rachold der KARO-rauchende Schauspieler, der meist Bösewichte und Draufgänger spielte, gemeinsam mit Rolf Herricht und Gojko Mitic vor der Kamera stand und nach dem einen oder anderen Glas Whisky gern „Faust“ rezitierte.

Das Wissen um Racholds privaten und beruflichen Werdegang hält sich allerdings in Grenzen. Da sich sein Todestag nun zum 20. Mal jährt, soll an dieser Stelle sein Lebensweg etwas genauer betrachtet werden.
Gerhard Rachold wurde am 3. September 1928 als Sohn des Schuhmachermeisters Gustav Hermann und seiner Frau Erna Marie, geb. Ebert, in Ranis geboren. Die Familie Rachold war schon Ende des 18. Jh. in Neustadt ansässig. 1876 erwarb der Schuhmachermeister Karl Gustav Rachold, der vorher in der Sackgasse wohnte, das Haus Carl-Alexander-Straße Nr. 13, heute Ernst-Thälmann-Straße 47. 1906 übernahm der mit dem Prädikat „Hofschuhmacher“ geehrte Friedrich Hermann, der Großvater Gerhard Racholds, das Gebäude. Es blieb bis 1983 in Familienbesitz, ehe es ins „Eigentum des Volkes“ überging und 1992 an Gerhard Rachold rückübertragen wurde.
Hier in der Ernst-Thälmann-Straße, in der drei Generationen der Familie dem Schuhmacherhandwerk nachgingen, verbrachte Gerhard Rachold also seine Kindheit und Jugend. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er noch als Flakhelfer eingezogen und arbeitete nach seiner Rückkehr in der Ziegelei sowie in der Landwirtschaft. Sehr fasziniert hat ihn der Zirkus. Er soll sogar als Seiltänzer aufgetreten sein.

1947 legte Gerhard Rachold sein Abitur in Neustadt ab. Schauspielerische Ambitionen zeigte er schon als Jugendlicher. An Vortragsabenden, an denen Schülerinnen und Schüler Szenen aus Goethes gleichnamiger Tragödie vortrugen, mimte er den Faust. Der Grundstein für eine schauspielerische Karriere schien damit gelegt. Im Oktober 1947 zog Rachold nach Weimar. Dort absolvierte er eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik, am Studio des Deutschen Nationaltheaters. 1949 kam er mit dem Ensemble des Deutschen Nationaltheaters nach Neustadt. Im Programm der Puschkin-Feier, die am 27. Juli im Volkshaus abgehalten wurde, sprach Rachold verschiedene Werke des russischen Nationaldichters.

Noch vor Gründung der DDR schloss er seine Ausbildung ab und wechselte 1949 an ein privates Theater im sächsischen Stollberg. Diese Zeit wird als abenteuerlich beschrieben, denn die Schauspieler hatten Kostüme und Bühnenausstattung teilweise selbst anzufertigen. Von 1950 bis 1955 spielte Rachold an den Theatern in Staßfurt, Crimmitschau und an den Städtischen Bühnen Erfurt, u.a. den Major Ferdinand von Walter in Friedrich Schillers„Kabale und Liebe“, ebenso wie den Bürgersohn Brackenburg in  Goethes „Egmont“.
Nachdem Rachold sein Engagement am Erfurter Theater 1955 auf eigenen Wunsch beendet hatte, wirkte er bis 1960 am Theater der Freundschaft in Berlin, wo er auch erste Erfahrungen mit  Kinder- und Jugendtheater sammeln konnte.

Der Name Gerhard Rachold wird heute oftmals mit den zahlreichen DEFA-Filmen verbunden, in denen er mitspielte. Sein Filmdebüt gab er 1956 im Spielfilm „Zwischenfall in Benderath“ des ungarisch-deutschen Regisseurs János Veiczi. In dem Streifen, der Antisemistismus an einer westdeutschen Schule im Nachkriegsdeutschland thematisiert, spielt Rachold den Primaner Rudolf Hacker. Zu den bekanntesten Filmen, die in den folgenden Jahrzehnten unter der Mitwirkung des einstigen Neustädters entstanden, gehören „Berlin – Ecke Schönhauser“ (er spielt einen Schläger), „Die schwarze Galeere“ (als Leone della Rota), „Der Reserveheld“ (als Ausbilder Hauptmann Hottas), „Die Söhne der großen Bärin“ (als Leutnant Roach) und „Ein Schneemann in Afrika“ (als Bootsmann). Zu hören ist Rachold bei Hörspielsendungen im Rundfunk oder mit Gesangstiteln in der „Spitzenparade“ und in der Satiresendung „Die aktuelle Ätherwelle“.

Freunden gegenüber äußerte er immer wieder den Wunsch, dass er gern mehr klassische Rollen und nicht immer nur den Bösewicht spielen wolle. Auch weil er den direkten Kontakt zum Publikum suchte, zog es ihn immer wieder zum Theater. So wundert es nicht, dass er Gastspiele an verschiedenen Bühnen gab, beispielsweise in Schwerin (Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“) oder an der Volksbühne Berlin (Tolstois „Krieg und Frieden).

Ab 1967 arbeitete Rachold am Kleist-Theater in Frankfurt (Oder), wo u.a. „Nathan der Weise“, „Othello“  und „Lorbaß“ auf dem Programm standen. Nach drei Jahren kehrte er Frankfurt (Oder) den Rücken, ehe er 1977 dorthin zurückkehrte, das Unterwegssein beendete und blieb. Es folgten erfolgreiche Jahre an der Frankfurter Bühne mit unzähligen Auftritten. In Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ spielte er gemeinsam mit Gitta Schweighöfer, der Mutter des heute allseits bekannten Schauspielers und Regisseurs Matthias Schweighöfer. Seine literarischen Interpretationen waren sehr beliebt und die Wilhelm-Busch-Abende ausverkauft.

1989 beging Gerhard Rachold sein 40jähriges Bühnenjubiläum. Er galt als einer der besten Schauspieler des Kleist-Hauses in Frankfurt (Oder), wie es bereits vier Jahre später in den Nachrufen stehen wird. Nach dem Tod seiner Frau Sabine zeigte er erste Anzeichen einer Depression. Am 18. Mai 1993 beendete Gerhard Rachold sein Leben, indem er sich aus dem neunten Stock eines Hochhauses stürzte.

„Seid mir nur nicht gar zu traurig, / Daß die schöne Zeit entflieht, /Daß die Welle kühl und schaurig / Uns in ihre Wirbel zieht;[…] Laßt uns lieben, singen, trinken, /Und wir pfeifen auf die Zeit;  /Selbst ein leises Augenwinken /Zuckt durch alle Ewigkeit.“ (Wilhelm Busch: Kritik des Herzens)

 

(Dieser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 17.5.2013)

 

Quellen:

Auskunft Altmann, Uwe  (Theater Crimmitschau, März 2013).

Auskunft Herzberg, P. (Theater Erfurt, März 2013).

Eberhardt, Karin: So wurde er vor 40 Jahren Schauspieler. In: Frankfurt-Information, Oktober 1989.

Märkische Oderzeitung, 21.05.1993.

Der Morgen, 30.08.1989.

Neuer Tag, 06.09.1989.

Neustädter Kreisbote, 30.07.1898.

Stadtarchiv Neustadt, Akte 8108.

Stadtarchiv Neustadt, Bestand Einwohnermeldeamt Nr. 13.

Stadtverwaltung Neustadt, Grundsteuerakte Ernst-Thälmann-Straße 47.

Unsere Heimat. Unterhaltungsbeilage zum Neustädter Kreisboten. 27.01.1934.

Unsere Heimat. Unterhaltungsbeilage zum Neustädter Kreisboten. 29.01.1938.

Wachter, Volker: Gerhard Rachold. http://www.parkaue.de/index.php?topic=22&personId=1304 (18.03.2013).

http://www.filmportal.de (25.04.2013).

Eine Suchmaschinenanfrage zum Thema Armut beantwortete Google im März 2013 mit 12 Millionen Treffern.
Definitionen und Lexikaeinträge, regionale Kampagnen und Bündnisse findet man zur Genüge. Auch Statistiken, Blogs und Zeitungsartikel.. Aber wo kann man sich über aktuelle Armutsthemen informieren, ohne sich durch tausende Seiten klicken zu müssen?
Eine Stichwortsuche bei Spiegel Online am 5. März meldete acht Beiträge aus den vergangenen zwei Wochen. Fünf davon berichteten aus dem Ausland, die anderen von Gaucks Europa-Rede, dem Wahlprogramm der Linkspartei und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Mehr relevante Treffer lieferten hingegen die Online-Angebote der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung. Um all diese Seiten zu durchstöbern, braucht man schon eine Menge Zeit.
Einen praktischen Zugang zur Internet-Berichterstattung über Armut bieten verschiedene Portale, von denen zwei hier kurz vorgestellt werden sollen. Sie beschäftigen sich tagesaktuell mit (sozial-)politischem Zeitgeschehen. Über eingebettete Suchfunktionen auf den Seiten bzw. des Internetbrowsers können Beiträge zum Thema Armut gut gefunden werden.
http://www.nachdenkseiten.de
DieNachdenkseiten wurden ins Leben gerufen von Albrecht Müller, Diplomvolkswirt und ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages, und Wolfgang Lieb, Jurist und einst Staatssekretär im Wissenschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen. Auf den Nachdenkseiten findet man neben den Rubriken „Das kritische Tagebuch“ und „Manipulation des Monats“ auch Medienanalysen und Podcasts. Die Hinweise des Tages geben einen Überblick über aktuelle und interessante Internet-Veröffentlichungen, die kurz beschrieben und teilweise kommentiert werden. Dabei handelt es sich um Beiträge in den Online-Ausgaben von Zeitungen und Rundfunkstationen, aber auch Meldungen von Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und anderen Informationsvermittlern, die sich mit dem aktuellen Zeitgeschehen auseinandersetzen.
http://www.aktuelle-sozialpolitik.de
Über diesen Link ist das Informationsportal von Professor Dr. Stefan Sell zu erreichen. Der Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Hochschule Koblenz (ibus) ist der Herausgeber des Portals. Unzählige Veröffentlichungen zu sozialpolitischen Themen und seine Lehrtätigkeit an der Universität machen ihn zu einem begehrten Ansprechpartner für Presse, Funk und Fernsehen. In seinem Internetblog stellt er täglich aktualisierte Informationen zu sozialpolitischen Themen bereit, ebenso Materialien, Studien und Links zu aktuellen Berichten in den Medien. Professor Sell verbreitet die Meldungen auch über Twitter und auf seiner Facebook-Seite.
Die beiden vorgestellten Informationsportale überzeugen mit ihrer Aktualität. Die Initiatoren haben in ihren Berufs- und Tätigkeitsfeldern Kompetenzen erworben, die sich sehr positiv auf die inhaltliche Gestaltung und die Moderation der Seiten auswirken.
Um Armut im Alltag wahrzunehmen, benötigt man lediglich offene Augen. Das Internet ist aber so komplex und unübersichtlich, dass die Aufmerksamkeit für die wesentlichen und verlässlichen Darstellungen von Armut leicht abgelenkt wird. Die beiden Portale sind gute Wegweiser.

Der Text ist nachzulesen im NOTausgang, Ausgabe 2/2013.

Alle Jahre wieder: Wenn das Weihnachtsfest vor der Tür steht, ist das Leben in der Stadt hektischer denn je. Stau auf den Straßen und an den Kassen. Karlheinz A. Geißlers neues Buch schien mir in der Vorweihnachtszeit 2012 die passende Lektüre in dieser scheinbar davoneilenden Zeit zu sein. „Lob der Pause. Von der Vielfalt der Zeiten und der Poesie des Augenblicks“, erschienen im oekom Verlag, blieb allerdings unangerührt auf meinem Nachschränkchen liegen. In einer Zeit, in der Andere besonders große Ansprüche auf die eigene Zeit erheben, muss man sich eben selbst hinten anstellen.
Der Verfasser des Buches würde jetzt vermutlich mit dem Kopf schütteln, denn das Schöne an der Zeit sei, „dass sie immer zu vielen auftaucht. Sie existiert nur im Plural.“ Die Zeitvielfalt müsse aber entdeckt werden.
Warten ist verlorene Zeit. Umwege kosten Zeit. Pausen verschwenden Zeit. Zeit ist immer knapp bemessen. Regelmäßig bedauern wir, zu wenig oder gar keine Zeit zu haben. Wir versuchen, der Zeit Herr zu werden, indem wir möglichst viel von ihr einsparen. Aber Geißler stellt fest: „So unmöglich es ist, den Wind zu fangen, so ausgeschlossen ist es, die Zeit in den Griff zu bekommen. Denn nicht der Mensch beherrscht, es ist die Zeit, die über den Menschen herrscht.“ Unter allen Lebewesen sei der Mensch das einzige, das Zeit sparen will. Aber je mehr Zeit eingespart werde, umso größer sei die Klage, unter Zeitdruck zu stehen.
Um Zeit zu sparen, versuchen wir, schnell zu sein. Der Zeitgeist, so der Autor, der seit über 25 Jahren ohne Uhr lebt, belohne alles Schnelle und Mobile. Doch, „die immer nur schnell sind, verpassen viel, laufen an Wichtigem vorbei und gefährden darüber hinaus Leib und Leben.“ Die Schnellen seien nicht schneller am Ziel, sondern rascher am Ende.
Der Wirtschaftspädagoge und Zeitforscher  verurteilt Schnelligkeit nicht generell. Es sei wichtig, schnell sein zu können, aber eben nicht notwendig, immer und überall schnell zu sein. Stattdessen sollten wir auf überflüssiges Tempo verzichten und allem eine angemessene Geschwindigkeit geben.
Eine besondere Bedeutung misst  Geißler Pausen bei. „[…] sie sind wirkungsvolle und sinnvolle Leerstellen […]. Sie dienen dem Nach- und dem Vorausdenken, regen zum Fantasieren und Träumen an, erlauben das Abschalten und Verarbeiten in einem. […] Pausen sind Zwischenzeiten, die Gelegenheit bieten, zu sich zu kommen […] und bieten die Gelegenheit, durch einen sanften Sturz aus dem Gewohnten gestärkt wieder auf die Beine zu kommen, um schließlich mit mehr Kraft und neuen Ideen fortzufahren.“
Karlheinz A. Geißler gelingt mit seinem Buch eine kritische und durchaus allgemeingültige Analyse unseres Verständnisses von Zeit und unseres Umgangs mit ihr. Doch was nützt alle Theorie, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt wird? Aktives Tun und absichtliches Nichtstun, die Rekultivierung vom Schlendern, Bummeln und Trödeln, können dem Leben eine neue Qualität verleihen. Nehmen wir uns ein Beispiel an unseren Kindern, die dem Blick auf die Uhr keinen Wert beimessen. Wir holen sie aus dem Kindergarten ab und drängen auf das Nachhausegehen, um dort unsere „unaufschiebbaren“, von uns als wichtig erachteten Tagesordnungspunkte abzuarbeiten. Schauen wir ihnen doch einfach zu, wenn Sie sich im Herbstlaub wälzen. Machen wir mit, wenn sie minutenlang eine Schnecke bestaunen. Lassen wir Zeit einfach mal Zeit sein. Wir haben doch eigentlich genug davon. Wer sich auch die Zeit dafür nimmt, sich auf das Buch einzulassen, wird zwangsläufig über den eigenen Umgang mit Zeit nachdenken.

Die Buchbesprechung ist nachzulesen im NOTausgang Ausgabe 2/2013

Karlheinz A. Geißler: Lob der Pause. Von der Vielfalt der Zeiten und der Poesie des Augenblicks; München:  oekom verlag, 2012. ISBN 978-3-86581-320-6

Thilo Schoder gilt als erfolgreichster Thüringer Architekt des Neuen Bauens. Diese Stilrichtung der Architektur, die sich nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte, ist gekennzeichnet von einer zweckmäßigen und rationalen Bauweise. Mit neuen Materialien wie Glas, Stahl, Beton und Backstein ließen sich einfache Formen realisieren. Dekorative Elemente traten in den Hintergrund.

Zwischen 1919 und 1932 hat Thilo Schoder nicht nur, aber vorwiegend auf thüringisch-sächsischem Gebiet, Bedeutendes geleistet. Die meisten seiner Bauten erlangten bis 1997 Denkmalstatus. Und doch geriet Schoder in Vergessenheit. Seine Emigration nach Norwegen 1932, die einschneidende Zeit des Nationalsozialismus und auch die deutsche Teilung mögen dazu beigetragen haben. Eine Ausstellung im Herbst 1997 in der Geraer Kunstsammlung hat dem Architekten 18 Jahre nach seinem Tod wieder Öffentlichkeit verschafft und damit den Weg geebnet, dass sein Werk Anerkennung findet.

Karl Wilhelm Thilo Schoder wurde am 12. Februar 1888 in Weimar geboren. Das jüngste Kind des Gastwirts Bernhard Christian Theodor Schoder und seiner Frau Therese Amalie wuchs mit vier Geschwistern auf und besuchte die Volksschule und das Gymnasium in seiner Geburtsstadt. Seine 14 Jahre ältere Schwester Marie war, entdeckt von Gustav Mahler, eine gefeierte Sängerin an der Wiener Hofoper und eine der bedeutendsten Sopranistinnen ihrer Zeit. Auch ihr Bruder Thilo war musisch begabt, nahm Klavier- und Gitarrenunterricht, schrieb kleine Kompositionen, Gedichte und Erzählungen und wollte zunächst Opernsänger werden.

Sein Interesse für kunstgewerbliches Zeichnen ließ ihn dann aber einen anderen beruflichen Weg einschlagen. 1906/07 war Schoder Privatschüler des belgisch-flämischen Designers, Architekten, Malers und Vordenkers des Bauhauses Henry van de Velde. Als dieser in Weimar das Kunstgewerbliche Institut gründete (ab 1908 Großherzoglich-Sächsische Kunstgewerbeschule), begann Schoder dort die Ausbildung zum Innenarchitekten, ab Ostern 1910 als Meisterschüler van de Veldes. Nach einem Studienaufenthalt in Wien arbeitete Thilo Schoder einige Jahre in dessen Atelier, ehe er, nach van de Veldes Übersiedlung in die Schweiz 1917, einen Arbeitsvertrag mit Alfred Golde erhielt, dem Geschäftsführer eines Geraer Autokarosserieunternehmens. Schoders Karosserie-Entwürfe als Chefdesigner sorgten für große Aufmerksamkeit.

Anfangs wegen einer Herzschwäche als untauglich eingestuft, wurde Schoder 1917 doch noch zum Kriegseinsatz einberufen. Nachdem sich der Kanonier und Zeichner von der Westfront zurückgemeldet hatte, ließ er sich 1919 in Gera nieder. Dort gelang ihm mit dem Industriebau Golde der Durchbruch als Architekt. Sein „Atelier für Architektur, Innendekoration und Kunstgewerbe“ befand sich ab 1920 im sogenannten Fürstlichen Kavalierhaus in Gera-Untermhaus, wo er auch wohnte. Seiner Heirat mit der jüdischen Schauspielerin Margarete Lichnovsky, die er am Geraer Theater kennengelernthatte, folgte die Geburt des Sohnes Rolf. In den anschließenden schaffensreichen Jahren hinterließ Thilo Schoder in Sachsen und Thüringen vielerorts Spuren, vor allem in Gera. Das er auch für Auftraggeber aus Neustadt an der Orla vier Gebäude plante, von denen zwei ausgeführt wurden, ist nur Wenigen bekannt.

Obwohl Schoder während seiner gesamten Schaffenszeit immer wieder Aufträge für sozialen Wohnungsbau bekam (von ihm projektierte Wohnsiedlungen entstanden beispielsweise in Hermsdorf, Gera, Saalfeld, Meuselwitz und Kristiansand/Norwegen), galt er als „auserwählter Baumeister der ‚oberen Zehntausend‘ “[1] Zu denen zählte wohl auch die Neustädter Fabrikantenfamilie Seelemann. Aus dem Jahr 1923 ist das Projekt ‚Landhaus Seelemann‘ Thilo Schoders überliefert.[2] Der Auftraggeber des Baus, der nicht ausgeführt wurde, könnte der Großherzoglich Sächsische Kommerzienrat Franklin Seelemann gewesen sein, denn er stand in dieser Zeit in Verbindung Thilo Schoder. Gemeinsam mit seinem Bruder Alfred führte Franklin Seelemann die Kratzen- und Maschinenfabrik G. Anton Seelemann & Söhne in der Mühlstraße.

Als das Firmengelände 1922 um eine neue Maschinenhalle erweitert werden sollte, übertrugen die Fabrikbesitzer die Bauleitung an Thilo Schoder.[3] Nach erfolgter Baugenehmigung im Oktober des Jahres konnte drei Monate später der Rohbau abgenommen werden. Im Februar 1923 fand die Schlussrevision statt. Entstanden war ein durch eiserne Stützen und Binder sowie Oberlicht konstruierter Arbeitssaal mit daran anschließenden kleineren Räumen für Schmiede, Härterei, Werkbänke, Modelle, Lager für fertige Teile, Rohgusslager und Motorraum. Im vorderen, der Straße zugelegenen Teil befanden sich die Büros des Betriebsleiters und des Werkmeisters. Wegen des Geländegefälles war der Keller im Ausgang des Gebäudes (mit dem Eingang für die Arbeiter) ebenerdig. Darin befanden sich Heizungskeller, Kohlenraum, Wasch- und Ankleideraum für 16 Arbeiter und ein Frühstücksraum. Nach dem Zweiten Weltkrieg, der Demontage und späteren Enteignung des Seelemann’schen Betriebes wurde das Gebäude vom VEB Regulus, später vom VEB Drahtwebstuhlbau genutzt. 1996 konnte eine umfangreiche Generalsanierung abgeschlossen und trotz des neuen Zeitgeistes das Erbe Thilo Schoders erhalten werden. Das zuständige Architekturbüro erstellte auch ein Farbempfehlungskonzept nach Schoder, das in die Gestaltung einfloss. In den folgenden Jahren wurden die Räumlichkeiten vom Schützenverein, der Volkshochschule und bis heute als Fitnessstudio genutzt.

Eine andere Spur Thilo Schoders ist mittlerweile aus dem Stadtbild verschwunden. Franz Fritzsche plante 1922 die Erweiterung seiner Tuchfabrik am Standort Triptiser Straße 7. Hinter den schon bestehenden Gebäuden sollte eine Spinnereihalle errichtet werden. Auch für dieses Projekt verpflichtete man Thilo Schoder.[4] In der dreischiffigen Halle mit Satteldächern wurden elektrisch betriebene Krempeln und Selfaktoren untergebracht. An der Süd-West-Ecke schloss sich ein kleiner Wolfraum an. Drei große Oberlichter, die auf den Firstpunkten der Giebeldächer eingebaut waren und ringsumherlaufende, 2,40 m hochliegende Fenster sollten für genügend Licht sorgen.
Das alte Gebäude, in dem sich sowohl Kontorräume als auch die Spinnerei befanden, konnte nun rein für Bürozwecke umgebaut werden. Die Maßnahme wurde im Juni 1923 begonnen und ebenfalls von Schoder konzipiert. Durch den Haupteingang an der Giebelseite betrat man eine kleine Vorhalle mit Glastüren und Oberlichtern. Von hier aus gelangte man zu den Büros, Lager- und Abstellräumen. Der Fußboden wurde aus Kiefernholz gefertigt und die sanitären Anlagen mit nunmehr drei Wasserspülklosetts vergrößert. In der ersten Etage wohnte der Hausmeister.
Die Gebäude gehörten später zum VEB Neustädter Tuchfabrik, ab 1972 zum VEB Volltuchwerke Crimmitschau, Werk III. Weil ihre technische Lebensdauer bereits weit überschritten und eine nachträgliche Stabilisierung nicht vertretbar war, wurden die Fabrikgebäude 1998 abgerissen.

Mit den Industriebauten für die Kratzen- und Maschinenfabrik Seelemann und der Tuchfabrik Franz Fritzsche endete Thilo Schoders Wirken in Neustadt. Ein weiteres Projekt im Jahr 1924, ein Wohnhaus für A. Mehlhorn, kam nicht zur Ausführung.[5]

Wer durch Schoders Werksverzeichnis und Ausstellungskataloge blättert, erkennt dessen Vielseitigkeit. Ob Industriegebäude, Wohnsiedlungen, Villen, Landhäuser, Möbelstücke, Schmuck oder Bucheinbände – seine klare, spannungsreiche Formensprache findet überall Ausdruck. Bis Mitte der 1920er Jahre hat sich Schoder als Architekt etabliert, beschäftigte zeitweise bis zu 15 Mitarbeiter. Auch auf kulturellem Gebiet engagierte er sich. 1924 trat er dem „Weimarer Kulturrat“ bei, einer Vereinigung von Künstlern und Intellektuellen, der auch Walter Gropius und Lyonel Feininger angehörten.

1928, zwei Jahre nach der Trennung von seiner Frau Margarete, heiratete er die norwegische Sopranistin Bergljot Brandsberg-Dahl. Schoder geriet zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Nachdem er schon zuvor seine Mitarbeiter entlassen musste, schloss er 1932 schließlich sein Architekturbüro in Gera. Die Weihnachtsferien verbrachte die Familie in Norwegen, kehrte aber nicht nach Deutschland zurück und siedelte nach Flekkefjord (Südnorwegen) über. Als Thilo Schoder 1936 die Arbeitserlaubnis für Norwegen erhielt, gründete er in Kristiansand ein eigenes Architekturbüro. Er nahm wieder Kontakt zu Henry van de Velde auf und führte auch zahlreiche Briefwechsel, u.a. mit Elisabeth Förster-Nietzsche, Schwester und Nachlassverwalterin des Philosophen Friedrich Nietzsche, und dem Maler Edvard Munch, mit dem er auch freundschaftliche Bande geknüpft hatte.

Aus der Wirtschaftsflucht der Familie wurde immer deutlicher auch eine politische Emigration. 1930 lehnte Thilo Schoder die Mitgliedschaft in der NSDAP ab, 1939 erhielt er nach einer Denunziation des deutschen Wahlkonsuls in Kristiansand Aufenthaltsverbot für Gera. Ein Jahr später wurde Schoder von der Gestapo für mehrere Wochen inhaftiert und willigte schließlich zu einigen Arbeiten für die Besatzungsmacht ein. Musste er sich nach 1945 in seiner neuen Heimat dem massiven Vorwurf des Landesverrats stellen, konnte er nach erfolgreicher politischer Rehabilitation als Architekt in Südnorwegen erfolgreich weiterarbeiten. Nach einem leichten Schlaganfall 1957 zog sich Schoder allmählich ins Privatleben zurück. Am 8. Juli 1979 starb er in Kristiansand.

Thilo Schoders Architektur hat das Stadtbild Neustadts weder geprägt noch verändert. Und doch sollte man sich, 125 Jahre nach seiner Geburt, in ehrendem Gedenken an ihn erinnern. Schoder gab zwei Industriegebäuden, in denen viele Neustädter in Lohn und Brot standen, ein Erscheinungsbild, dessen architektonische Bedeutung leider viel zu lange ungewürdigt blieb.

 (Der Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 22.2.2013)

 

Quellen:

 

Akte 12 589, Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Archiv der Akademie der Künste Berlin, Thilo-Schoder-Archiv

Bauakte Mühlstraße 16 (B 72), Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Bauakte Triptiser Straße 7 (B 108), Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Pfannenschmidt, Helmut; Trinkl, Hans-Jürgen: Chronologische Aufzeichnungen zur Entwicklung der Stadt Neustadt an der Orla seit 1945, um 1979, 2004, Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Lorenz, Ulrike: Thilo Schoder. Ein Architekt im Spannungsfeld der Moderne. Leben und Werk in Deutschland (1888-1936). Jena 2001

Mailbeck, Robert: Die verspätete Industrie. Wirtschaft und kommunale Entwicklung in Neustadt an der Orla im 19. Jahrhundert. Weimar & Jena 2006

Ostthüringer Zeitung, Lokalteil Pößneck, 04.11.1996

Ostthüringer Zeitung, Lokalteil Pößneck, 08.03.2003

http://www.architekt.de/Architekturstil/neues_bauen.php [Seitenaufruf 02.01.2013]

http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44921 [Seitenaufruf 02.01.2013]


[1] Lorenz, S. 120

[2] WV 35, Vgl. Lorenz, S. 360

[3] WV 29, Vgl. Lorenz, S. 348 f.

[4] WV 28, Vgl. Lorenz, S. 348

[5] WV 38, Vgl. Lorenz, S. 361

„Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde“ (Offb. 9.3)

„Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde“ (Offb. 9.3)

Wer ins Theater geht, erwartet sicherlich nicht, auf seinem Platz das Werbeblättchen eines Bestattungsunternehmens vorzufinden. Eine ungewöhnliche, aber doch passende Begrüßung. „Die Offenbarung des Johannes“, eine Bibel-Performance des Jenaer Theaterhauses, setzte sich schließlich mit dem letzten Buch des Neuen Testamentes auseinander, einer christlichen Endzeitvision.
Das Ambiente der Vorstellung am 28. November passte zum drohenden Weltuntergang, der mit der Zeitenwende im Maya-Kalender am 21. Dezember 2012 einhergehen sollte. Die Jurte auf dem Theatervorplatz, in der das Stück aufgeführt wurde, hielt dem Regenguss stand. Doch vor allem über der Bühne drohte das Dach der Jurte immer wieder nachzugeben.
Tina Keserovic und Matthias Zera, die Schauspieler der Produktion, verstanden es geschickt, die Entleerung des Zeltdaches ins Schauspiel einzubinden. Anfangs im Blaumann auftretend wirkte das beinahe einstudiert, als gehöre das Unwetter zur Kulisse. Das Bühnenbild machte neugierig: je zwei Rednerpulte und übergroße Stühle, eine Kochecke und viele kleine Gegenstände (von einer Hasenfigur bis zur Sonnenbrille), deren Einsatzzweck Rätsel aufgaben.
Sieben Überwachungskameras, gerichtet auf das Publikum, waren im Bühnenbereich installiert. Ebenso viele Neonröhren leuchteten im Hintergrund. Die Zahl 7 als roter Faden war kein Zufall. Die Rede war von einem Buch, verschlossen von 7 Siegeln. Von 7 Engeln, die vor Gott stehend 7 Posaunen erhalten. 7 Sendschreiben, die an 7 christliche Gemeinden des Römischen Reiches adressiert sind.
Die beiden Schauspieler rezitierten den Bibeltext, was für jene, die der heiligen Schrift nicht kundig sind, gewöhnungsbedürftig war. Doch die temporeiche, kreative Inszenierung erfüllte den Text mit Leben. So war Matthias Zera tatsächlich als Lamm verkleidet, das die sieben Siegel des Buches öffnete. Tina Keserovic räkelte sich mit offenem Haar am Stützpfosten des Zeltes, während ihr Schauspielerkollege von Hurerei sprach. Er überschüttete sie mit einem Eimer Wäscheklammern, als Heuschrecken über die Erde kamen. Wäscheklammern als Symbol für den Heuschreckeneinfall. Finden wir in dieser Szene etwa einen Lösungsansatz, wie der Apokalypse zu begegnen ist? Mit Alltag?
Stell dir vor, es ist Weltuntergang und keiner geht hin. Zu viele Stühle blieben an diesem Abend unbesetzt. Zum Besuch einer spannenden, kreativen Theaterinszenierung kann niemand gezwungen werden. Vor dem richtigen Weltuntergang kann sich aber keiner drücken. Oder haben Sie ihn etwa  verpasst?

(Der Beitrag ist nachzulesen im NOTausgang, Nr. 1/2013.)

„Nicht die Geldbörse entscheidet, sondern der Wille, etwas zu machen“, appeliert Horst Ertel. Schon seit über 35 Jahren engagiert er sich für die Umwelt. Damals leitete er die AG Junge Naturschutzhelfer. Unter den naturverbundenen Kindern und Jugendlichen war auch der damals 11-jährige Peter Stollberg. Beide haben sich dem organisierten Naturschutz verschrieben, sind heute Teamleiter bei Sielmanns Natur-Rangern Team Jena.
25 Teams gehören deutschlandweit der Jugendorganisation an, die 1998 von der Heinz Sielmann Stiftung gegründet wurde. Das Logo der Jenaer Gruppe symbolisiert zwei der wichtigsten Projekte. Es zeigt einen Frauenschuh (eine heimische Wildorchideenart) und eine Fledermaus. Jenas Umgebung beherbergt 31 Wildorchideen- und 18 Fledermausarten. Diese zu schützen gehört zu den Hauptanliegen der Jenaer Natur-Ranger.
Mit der Pflege regionaler Orchideenbestände, deren Erfassung und Dokumentation, setzen sie eine Arbeit fort, die bereits in den 1970er Jahren begonnen wurde. Zur Bewahrung des Artenreichtums müssen Wiesen in Orchideenbiotopen alljährlich von der Heumahd befreit werden. Die Aktion wird in der Regel am Jenaer Freiwilligentag durchgeführt und von der Bevölkerung sehr gut unterstützt. Auch die öffentlichen Orchideenwanderungen durch das Leutratal in den Monaten Mai und Juni erfreuen sich großer Beliebtheit.
Sehr engagiert sind die Umweltschützer um Ertel und Stollberg auch im Fledermausschutz. Sie erfassen Fledermaus-Wochenstuben und kümmern sich um deren Sicherung. Wenn die Fledermäuse ihre Winterquartiere aufgesucht haben, werden ihre Wochenstubenquartiere gereinigt und instandgesetzt. Ihre handwerklichen Fähigkeiten beweisen die Natur-Ranger, indem sie artgerechte Fledermauskästen fertigen, die im Frühjahr als Ansiedlungshilfen angebracht werden. Wer sich über die nachtaktiven Fledermäuse informieren will, kann die regelmäßig organisierten Vorträge und Führungen besuchen, zum Beispiel während der europäischen Fledermausnacht, die alljährlich am letzten Augustwochenende stattfindet.
Ein erfolgreicher Fledermausschutz braucht viele helfende Hände. Besonders angetan waren Peter Stollberg und Horst Ertel von einer Spendensammlung der Jenaplan-Schule im März 2012. Die Schülerinnen und Schüler sammelten ungefähr 4000 Euro, die sie den Natur-Rangern zur Verfügung stellten. Davon sollen u.a. Fledermausquartiere in verschiedenen Kirchen erhalten werden.
Das Jenaer Team der Sielmann Natur-Ranger ist offen für alle Kinder und Jugendlichen, die gemeinsam anpacken, Natur erleben und schützen, Anerkennung erfahren und miteinander lachen wollen.
Wenn Horst Ertel vom „mörderischen Frauenschuh“ erzählt oder dem viel zu wenig thematisierten Bienensterben, springt der Funke direkt auf seine Zuhörer über. Um Kinder und Jugendliche für einen aktiven Naturschutz zu begeistern, will er ihre Abenteuerlust wecken. „Kinder brauchen Schlüsselerlebnisse. Dafür brauchen wir neue Maßstäbe, mehr Action.“, rät Ertel. Hier seien nicht zuletzt Eltern gefragt, die mit ihren Kindern spazieren gehen und Lehrkräfte, die vermitteln, dass Bäume in der Natur anders aussehen als im Lehrbuch. Um den Naturschutz zu unterstützen, seien auch die Stadtväter gefragt. Horst Ertel erwartet, dass Entscheidungen nachhaltig und nicht haushaltsabhängig getroffen werden: „Naturschutz rechnet sich aber nicht im ersten Moment, erst langfristig. Jena ist nicht nur eine Stadt der Wissenschaft, sondern hat auch viel zu verlieren: eine einzigartige Landschaft!“

Weitere Informationen: http://www.natur-ranger.de/de/teams/Jena/

Der Text ist nachzulesen im NOTausgang, Ausgabe 2/2013.

„Jeder Mensch entwickelt sich, aber manch einer nicht so geradlinig.“ Matthias Sick, Vorstandsmitglied des Thüringer Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e. V. (TLPE), kritisiert übereilte Diagnosen der Mediziner. „Wenn Menschen in Krisen geraten, denen sie psychisch nicht standhalten können, werden sie schnell als chronisch krank abgestempelt. Emil Kraepelin gilt als Begründer der modernen empirisch orientierten Psychopathologie. Er ging davon aus, das Psychiatrie-Patienten kaum Aussicht auf Heilung haben. Seine Ansichten werden auch heute noch vertreten, obwohl sie über 100 Jahre alt sind und es mittlerweile widerlegende Studien gibt.“
Das Projekt EX-IN hat einen völlig anderen Ansatz. Experienced Involvement, das meint eine Mitwirkung (ehemaliger) Patienten, die auf Erfahrungen basiert. Es geht von dem Grundsatz aus, dass jeder Mensch das Potential zur Genesung hat. Psychiatrie-Erfahrene sollen ausgebildet werden, um im psychiatrischen Bereich arbeiten und zusätzlich zu anderen Behandlungen die Genesung begleiten zu können. Dieses Prinzip wird auch vom TLPE unterstützt.
Ein Ziel des im Jahr 2000 gegründeten Verbandes ist es, Mitbürger zu erreichen, bevor sie in die Psychiatrie müssen. Doch wenn sich die ersten Anzeichen einer psychischen Krise zeigen, sind sie meist unvorbereitet. Zum Therapeuten gehen viele erst, wenn sie nicht mehr können, weil die Angst zu groß ist, als „verrückt“ zu gelten. Die Probleme werden dann so akut, dass Klinikaufenthalte zwangsläufig folgen. Dort werden emotionale Krisen oft auf die Biologie reduziert und chemisch behandelt.
„Die Ärzte wissen alles über den Stoffwechsel, aber nicht, wie es den Menschen geht.“ Matthias spricht aus eigener Erfahrung. Nach Depressionen und manischen Phasen, die sein Leben außer Kontrolle brachten, kam auch er ins Krankenhaus. Die medikamentöse Behandlung hätte ihr Ziel verfehlt. Sie sei darauf angelegt, Symptome zu behandeln. Die Ursachen behebe sie jedoch nicht. Zu Bedenken gibt Matthias, dass Psychopharmaka bewusstseinsverändernd wirken, wie Drogen und er fragt: „Gibt es etwa Ärzte, die einem morgens, mittags und abends Bier verschreiben?“ Er will nicht falsch verstanden werden, er ist nicht grundsätzlich gegen Medikamente. Aber Matthias fordert, dass jeder selbst entscheiden kann, ob er Medikamente nimmt.
Der Landesverband bietet Hilfesuchenden auf verschiedene Art Unterstützung an. Er vermittelt in und unterstützt die Gründung neuer Selbsthilfegruppen, gibt Antworten auf fachliche Fragen (z.B. zur Betreuungs- oder Patientenvollmacht), ist Treffpunkt für Informations- und Erfahrungsaustausch und empfiehlt Fachkräfte für Vorträge.
Außerdem ist er in verschiedenen Gremien vertreten. Die Besuchskommission ist ein Kontrollgremium mit einer Art Aufsichtsfunktion für Parlament, Fachbehörden und Öffentlichkeit. Sie geht regelmäßig in Kliniken, berichtet über Behandlungsmöglichkeiten, aber auch von festgestellten Mängeln. Die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Vertretern verschiedener psychiatrischer Einrichtungen und Dienste. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, die Zusammenarbeit der Einrichtungen zu verstärken. Der Landesbehindertenbeirat und der Landesfachbeirat für Psychiatrie sind weitere wichtige und anerkannte Gremien des TMFSG, in denen die Belange von Menschen mit psychischen Problemen und Erkrankungen thematisiert werden.

Kontakt: Thüringer Landesverband Psychatrie-Erfahrener e. V., Tel.: 0361 2 65 84 33, Internet: http://www.tlpe.de
Interessierte zur Verstärkung des Teams sind willkommen. Gesucht wird beispielsweise ein Regionalvertreter für den Umkreis von Jena.

Der Text ist nachzulesen im NOTausgang, Ausgabe 2/2013.

„Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen. […] Nach meiner Kenntnis ist das sofort. Unverzüglich.“ Die Pressekonferenz am 9. November 1989 mit Günter Schabowski, dem damaligen Sekretär des Zentralkomitees der SED für Informationswesen, ist legendär. Überall im Land überschlugen sich die Emotionen. Die Mauer als „antifaschistischer Schutzwall“ schien dem Druck des Volkes nicht mehr standhalten zu können.

Auch in Neustadt an der Orla verbreitete sich die Öffnung der Grenze wie ein Lauffeuer. Noch konnte niemand absehen, welche Auswirkungen die Ereignisse haben würden, die wenig später als friedliche Revolution in die Geschichtsbücher eingehen. Die Zeit war geprägt von Ängsten, aber vor allem auch von Hoffnungen. Mit 19 Friedensgebeten und 15 Demonstrationen entwickelte sich Neustadt zu einem Zentrum des Bürgerprotestes.[1] Eine Schlüsselrolle nahm dabei Pfarrer Peter Tanz ein. Was viele andere dachten, wagte er auszusprechen. Als Vermittler zwischen den noch herrschenden Strukturen und der erstarkenden Opposition schaffte er eine konstruktive Atmosphäre. In einem Friedensgebet sagte er: „Herr, gib den Verantwortlichen in Staat und  Gesellschaft, in den Parteien und Massenorganisationen, die Kraft und den Mut, Fehler und Schuld einzugestehen. Uns aber bewahre davor zu triumphieren.“[2]
600 Menschen fanden am 26. Oktober 1989 den Weg in die Stadtkirche St. Johannis, in der nach dem Friedensgebet die erste öffentliche Demonstration gegen Stalinismus und Staatssicherheit folgte.[3] Beobachtet von der Polizei und der Staatssicherheit wurde dieser Schweigemarsch zum Symbol des Stolzes und der Entschlossenheit.

Neustadt hatte am 31.12.1988 10200 Einwohner. Viele Neustädter verließen in der Folgezeit ihre Heimatstadt. Erst nach 1991, die Einwohnerzahl betrug im Dezember nur noch 9577, ebbte die Abwanderungswelle allmählich ab.[4]
Die Staatssicherheit war aber immer noch allgegenwärtig und analysierte die Lage in diesen für sie politisch schwierigen Zeiten. Längst hatte sie an Bedeutung verloren und versuchte mit aller Macht, die letzte DDR Kommunalwahl  am 7. Mai 1989 zu beeinflussen. Wahlbeobachtern zufolge wurde das bekanntgegebene Ergebnis manipuliert und verdeutlichte einmal mehr die Bevormundung der Bürgerschaft. Die letzten unter diesen Vorzeichen gewählten Volksvertreter nahmen ihre Arbeit auf.

Der demokratische Wandel hinterließ auch in Neustadt seine Spuren. In der fünften Stadtverordnetenversammlung sagte der Bürgermeister Günter Ulitzsch in seinem Rechenschaftsbericht: „Eine Stadtverordnetenversammlung in dieser Phase der Erneuerung und des Umbruchs durchzuführen, birgt die Gefahr in sich, auch viel Falsches zu formulieren bzw. sich auf bestimmte Dinge festzulegen, die durch die gesellschaftliche Entwicklung ganz einfach überholt werden. […] Mit tiefer Erschütterung müssen wir feststellen, dass vieles, an das wir geglaubt haben, wonach wir arbeiteten durch Ignoranz und Schönfärberei, durch Überheblichkeit bis zur Straffälligkeit in höchster Potenz nicht den tatsächlichen Interessen unserer Menschen und der tatsächlichen Lage entspricht.“[5] In dieser Tagung appellierte Günter Ulitzsch an die Stadtverordnetenversammlung, mit dem Neuen Forum zusammenzuarbeiten.

Bereits am 18. Dezember 1989 wurde im Rathaus auf Initiative des „Neuen Forum“ ein „Runder Tisch“ eingesetzt, der den Machtwechsel in der städtischen Verwaltung vorbereiten und begleiten sollte. In diesem Gremium gab Bürgermeister Ulitzsch am 5. Februar 1990 seinen Rücktritt zum Ende des Monats bekannt. Er empfiehlt den Vertretern des Runden Tisches eine Neuwahl des Rates, der sich aus den neuen demokratischen Kräften zusammensetzen sollte.[6] Damit übernahm der „Runde Tisch“ die Verantwortung für die Übergangsphase bis zum frei gewählten Parlament in Neustadt. Die Handlungsfähigkeit der Stadt musste gesichert und die Wahl vorbereitet werden.

Am 6. Mai 1990 fanden die ersten freien demokratischen Kommunalwahlen statt. Die nunmehr 33 statt der bisher 65 gewählten Volksvertreter übernahmen die große Verantwortung, ausgerüstet mit neuen Entscheidungsbefugnissen die Stadt durch den politischen Umbruch zu führen. In ihrer 1. Sitzung am 30. Mai 1990 wählte die Stadtverordnetenversammlung aus ihrer Mitte Klaus Mailbeck zum Bürgermeister und Dr. Hans Jetter zu seinem Stellvertreter. In der Legislaturperiode des ersten frei gewählten Bürgermeisters seit 40 Jahren beginnt eine entscheidende Umstrukturierung der Verwaltung. Mit der Ausgliederung der Kindereinrichtungen, des Gesundheitswesens sowie des technischen Personals der Schulen verringerte sich die Zahl der Mitarbeiter von 362 im Jahr 1990 auf 49 im Jahr 2010.[7] Die städtischen Mitarbeiter des Bauhofes wurden der 1991 gegründeten Stadtwerke Neustadt (Orla) GmbH angegliedert.

Mit dem 1994 geänderten Wahlgesetz wurde der Bürgermeister nun für sechs Jahre und direkt von allen Wahlberechtigten der Stadt gewählt. Seit dieser Zeit nimmt Arthur Hoffmann in seiner nunmehr vierten Amtsperiode den Platz als Bürgermeister ein. Die Wahrnehmung des neu gewonnenen demokratischen Wahlrechts, ohne die Befürchtung der staatlichen Einmischung, war eine der wichtigsten Veränderungen der neuen Gesellschaftsform. Trotzdem ist erkennbar, dass immer weniger Menschen von diesem Instrument der Demokratie Gebrauch machten. Traten zur Kommunalwahl 1990 noch 74,6 % der wahlberechtigten Bevölkerung an die Wahlurnen, nahmen 1999 nur noch rund 65% und zu allen folgenden Kommunalwahlen nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung ihr Wahlrecht wahr.

Ein großer Schritt auf dem Weg zum wiedervereinten Deutschland war der Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Am 18. Mai 1990 unterzeichneten in Bonn die Finanzminister der BRD und der DDR, Theo Waigel und Walter Romberg, den Staatsvertrag, der am 1. Juli in Kraft trat und den Wechsel zur Sozialen Marktwirtschaft besiegelte. Damit übernahm die DDR das währungs-, wirtschafts- und sozialpolitische System der Bundesrepublik. Die Mark der DDR wurde durch die D-Mark ersetzt. An besagtem 1. Juli, einem Sonntag, waren Rathaus, Sparkasse, Post und die Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG) im Weltwitzer Weg von 8 bis 20 Uhr für den Geldumtausch geöffnet.[8] Die lokale Presse vermutete, dass das „Gesellschaftsspiel Schlangestehen“ nun wohl ausgestanden sei. Viele Menschen hätten nach dem Erhalt der begehrten Scheine an den Auszahlstellen einen Stadtbummel unternommen. „Die ersten Märker sind freilich am Sonntag verflüssigt worden. Im Biergarten am Kreiskulturhaus beispielsweise, auf dem Marktplatz in Neustadt, wo der Rost brannte, oder auf dem Volksfest der Orlastadt.“[9]

Wenige Monate später, am 3. Oktober, wurde ein viel größeres Fest in Neustadt, Deutschland und über die neuen deutschen Grenzen hinaus gefeiert. Der „Eiserne Vorhang“, der seit dem Zweiten Weltkrieg die Welt politisch in Ost und West teilte, wurde mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes offiziell geöffnet.

„Gewerbe ansiedeln, um Arbeitsplätze zu schaffen und langfristig Steuereinnahmen für die Stadt zu sichern – das war das Wichtigste.“[10], erinnerte sich der ehemalige Bürgermeister Klaus Mailbeck an den kommunalpolitischen Fahrplan nach der Wiedervereinigung. Doch die Umstellung der Wirtschaft und der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft war mit großen Problemen verbunden. Bis Mitte der 1990er Jahre mussten dramatische Strukturumbrüche vollzogen werden. Die „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“ hatte die Aufgabe, landesweit etwa 8000 volkseigene Betriebe mit mehr als vier Millionen Beschäftigten zu sanieren und zu privatisieren.[11] Doch viele Betriebe konnten dem Wettbewerb im neuen System nicht standhalten. Ihr Aufbau war betriebswirtschaftlich uneffektiv, Maschinen veraltet und die Nachfrage nach den Produkten, die mit der Einführung der D-Mark für den osteuropäischen Markt zu teuer waren, sank rapide.[12]

Das bekamen auch viele Neustädter Betriebe zu spüren. Der VEB Textima musste 1996 (mittlerweile als Hollingsworth GmbH) schließen. Der VEB Metallweberei ging kurz nach der Privatisierung 1990 mit 200 Beschäftigten in Konkurs. Der VEB Orla-Kleidung stellte Anfang 1991 seinen Betrieb ein, die Orlaguß GmbH folgte 1992. In anderen Betrieben sollte ein Personalabbau den Konkurs aufhalten. Von einst 650 Beschäftigten der Wotufa waren im Juli 1991 noch 50 übrig. Draweba, 1993 privatisiert, existierte nur noch bis Ende 1994 mit zuletzt 85 Beschäftigten. Das für viele Veranstaltungen genutzte „Glashaus“ fiel dem ebenfalls zum Opfer.

Trotz des Strukturwandels, der eine bis dahin unbekannte Arbeitslosigkeit mit sich brachte, wurden auch Erfolgsgeschichten geschrieben. Es gelang, einige traditionelle Industrie- und Gewerbestandorte zu erhalten und neues Gewerbe anzusiedeln. Waren 1990 nur 152 Gewerbe registriert, konnten 2007 bereits 727 Gewerbeeinrichtungen erfasst werden.[13] Die Entstehung des Gewerbegebietes am östlichen Stadtrand war eine wichtige Grundlage, Unternehmen nach Neustadt zu locken. 1992 begann die Erschließung der Fläche, die mit der Nähe zum Güterbahnhof und mit direktem Anschluss an die B 281 verkehrsgünstig gelegen war. Im Mai 1993 nahm die Spezialbaufirma Otto Alte-Teigeler als erste Firma im Gewerbegebiet ihre Arbeit auf. Im Laufe der nächsten Jahre siedelten sich mehr als 20 Betriebe an, die den Wirtschaftsstandort Neustadt sicherten und über 1300 Arbeitsplätze schufen. 2002/2003 waren 2867 Personen in Neustadt beschäftigt, davon 1392 in Industriebetrieben. Die Arbeitslosigkeit war nach wie vor ein großes Problem. 1996 waren 768 Neustädter arbeitslos gemeldet, vier Jahre später 834.[14] Zu den 1288 Arbeitslosen im Jahr 2007 kamen noch fast 1400 Leistungsempfänger nach dem SGB II.[15]

Neben der Verlagerung der Industrie an den Stadtrand war auch der Bau der Umgehungsstraße eine wichtige Voraussetzung für die weitere Stadtentwicklung. Mit kurzfristigen Lösungen, die den Durchgangsverkehr besser organisieren sollten, gaben sich die Neustädter Bürger nicht zufrieden. Demonstrativ wurde die Bundesstraße blockiert, um ihrer Forderung nach einer Ortsumgehung Druck und Öffentlichkeit zu verleihen. Zur gleichen Zeit sprach Bürgermeister Mailbeck im Verkehrsministerium in Bonn vor. Die Aktionen hatten Erfolg, Anfang 1992 erhielt die Stadt für das Projekt Ortsumgehung grünes Licht.[16] Der offizielle erste Spatenstich erfolgte am 7. Dezember 1996 durch Franz Schuster, den Thüringer Wirtschaftsminister. Vier Jahre später konnte die neue Trasse der B 281 für den Verkehr freigegeben werden.

Mit der Verlagerung der Bundesstraße an Neustadts Peripherie war auch der Grundstein für den Erhalt und die Sanierung der Altstadt gelegt. Dazu beschloss die Stadtverordnetenversammlung 1990 vorbereitende Untersuchungen zur Stadtsanierung, die 1992 und 1994 konkretisiert wurden.  Die jahrzehntelange Vernachlässigung der Bausubstanz forderte nun ihren Tribut. Herausgearbeitete Rahmenbedingungen zur Stadterhaltung und Stadtentwicklung sicherten die kontinuierliche Abarbeitung der festgelegten Sanierungsschwerpunkte. Der mittelalterliche Stadtkern wurde hierfür in Quartiere eingeteilt.

Umfangreiche Sanierungsarbeiten erfuhr das Rathaus, das zu Recht als schönstes spätgotisches Rathaus Ostthüringens bezeichnet wird. Putzarbeiten, die Sicherung des Daches und weitere substanzerhaltende Arbeiten wurden auch am vormals vom Abriss bedrohten sogenannten Lutherhaus vorgenommen. Im Januar 2011 entschied der Stadtrat über die Nutzung des Lutherhauses als städtisches Museum und damit über den Erhalt des 1574 erbauten Gebäudes als begehbares Schaudenkmal. Auch die Sparkasse erhielt ein neues Gesicht. 1994 wurde das Geldinstitut wiedereröffnet und 2012 mit einer neuen Fassade versehen.

Kaum ein anderes Projekt erregte die Gemüter der Stadt so sehr wie der Marktstock. Der marode Gebäudekomplex wurde 1996 abgerissen, der Wiederaufbau bzw. die Gestaltung des Neubaus aber teilweise sehr kritisch bewertet. Der Bismarckturm, zwischenzeitlich aus ideologischen Gründen nach Adolph Elle benannt, konnte am 3. Oktober, am ersten Jahrestag der Wiedervereinigung, nach 30 Jahren Zweckentfremdung wiedereröffnet werden. Die in neuem Glanz erstrahlende Innenstadt lässt sich vom zentrumsnahen Parkdeck aus, das 1995 eröffnet wurde, gut erreichen.

Auch außerhalb der einstigen Stadtmauern wurde saniert und neu gebaut. 1996 erfolgte die Übergabe der Vereinshäuser am Parkdeck. Im darauffolgenden Jahr konnte die Sport- und Festhalle in der Friedhofstraße übergeben und 2003 der Ersatzneubau der Schwarzen Brücke fertiggestellt werden. Mit der 2007 abgeschlossenen Neugestaltung des Kirchplatzes entstand hinter der Stadtkirche eine schön gestaltete Ruhezone mit Parkplätzen, die seitdem auch für Festlichkeiten genutzt wird. Viele Straßen im gesamten Stadtgebiet wurden grundhaft erneuert. Die Hugo-Hartung-Straße entlastet seit 1994 als Verbindungsstraße zwischen Mühlgraben/Goethestraße und Karl-Liebknecht-Straße den innerstädtischen Verkehr.

Der Ausbau und die Verbesserung der Wohnsituation ist seit jeher ein wichtiges Augenmerk der Stadtentwicklung. Mit der Erschließung des Wohngebietes „Auf dem oberen Griese“ 1995 konnten wichtige Flächen zur Ansiedlung von Eigenheimen angeboten werden, ebenso in den Baugebieten „Am Hain-Molbitz“, in der Hugo-Hartung-Straße und am Kalkofen. In Neustadt-Süd dagegen trug der Abriss von Blöcken in der Thomas-Müntzer Straße und in der Florian-Geyer Straße der Abwanderung aus dem Stadtteil Rechnung, in dem 2007 nur noch rund 1500 Neustädter wohnten, etwa 1000 weniger als 12 Jahre zuvor.[17]

Neustadt an der Orla wurde 1994 dem durch Zusammenlegung der Kreise Lobenstein, Pößneck und Schleiz neu gebilden Saale-Orla-Kreis angegliedert. Ebenfalls 1994 wurden Neunhofen und Lichtenau eingemeindet, 2010 Breitenhain-Strößwitz.
Mit dem politischen und wirtschaftlichen Beitritt der DDR zur BRD stand auch das Erziehungs- und Bildungssystem auf dem Prüfstand. Von den einst drei Kinderkrippen, fünf Kindergärten und einer Kombinierten Kindereinrichtung waren 2002 nur noch drei Kindertagesstätten in Betrieb (inklusive dem Kindergarten „Märchenland“ in Neunhofen). In dieser Zeit waren 282 der 285 Tagesplätze belegt.[18] Auch heute sind die vier Kindertagesstätten mit ca. 390 Plätzen ausgelastet (hinzugekommen war der Kindergarten in Breitenhain-Strößwitz).

Schwierig gestaltete sich der Umbau des Schulsystems. Sowohl die Neugliederung der Schulformen als auch die Unterrichtsinhalte wurden denen der BRD angepasst. Der Sonnabend als regulärer Unterrichtstag wurde Anfang 1990 abgeschafft. Die Schulen am Centbaumweg und in der Jungferngasse waren nun Regelschulen, an denen sowohl Haupt- als auch Realschulabschlüsse erreicht werden konnten. Nach großem Einsatz des Bürgermeisters Klaus Mailbeck entstand aus der einstigen Theodor-Neubauer-Oberschule ein Gymnasium. Im Jahr 2000 unterrichteten an den Allgemeinbildenden Schulen in Neustadt und Neunhofen 137 Lehrkräfte insgesamt 1322 Schüler.[19] 2005 wurde in der ehemaligen Lessingschule am Kirchplatz ein Schulhort eingerichtet. Nach grundhafter Sanierung zog die Grundschule 2009 in die Schillerschule ein, die Regelschule in die Goetheschule. Die einstige Karl-Marx-Oberschule am Centbaumweg wurde 2010 abgerissen. Im umgebauten Schloss eröffnete die Arbeiterwohlfahrt 2007 die Schloss-Schule.

Das Neustadt mittlerweile als „heimliche Kulturhauptstadt des Landkreises“[20] bezeichnet wird, liegt sicherlich auch darin begründet, dass kulturelles Leben hier Tradition hat. 1992 entstand im Gebäude Kirchplatz 7, 40 Jahre nach Auflösung der Museumsbestände, wieder ein Heimatmuseum. Nach umfangreicher Sanierung des Gebäudekomplexes eröffneten hier 2007 das Stadtarchiv und das Museum für Stadtgeschichte mit 13 Ausstellungsräumen und einem Saal für Sonderausstellungen.

Auch die Stadtbibliothek erhielt ein neues Domizil. 1990 schon kurzzeitig in der Gerberstraße 2 untergebracht, wurde das einstige Gerberei-Lagerhaus und Polytechnische Kabinett entkernt, saniert, neu eingerichtet und im Januar 1994 wiedereröffnet. Gegenüber der Bibliothek, auf der anderen Seite der renaturierten Orla, entstand 2007 der Orlapark. Im Jahr darauf wurde eine Spielskulptur installiert, die als künstlerische Interpretation an den Neustädter Karussellbau erinnern soll.
Nach dem Abriss des Lichtspieltheaters „Capitol“ im Jahr 2011 entstand im Bereich Rodaer Straße/Mühlstraße der „Platz am Rodaer Tor“, der ebenso zum Verweilen einlädt wie das im selben Jahr fertiggestellte Areal an der Storchspforte.

Mit dem Musiksommer, der seit 2007 organisiert wird und dem Kinosommer, der an verschiedenen Stellen der Stadt Filmerlebnisse der besonderen Art bietet, dem Karneval sowie dem Brunnenfest konnte die Kulturtradition der Stadt erfolgreich fortgesetzt werden. Andere begehrte Einrichtungen wie das Volkshaus, der „Weiße Schwan“ oder das Freibad, das nach seiner 1991 vorübergehend geplanten Schließung nicht mehr eröffnet werden konnte, fehlen hingegen vielen Neustädtern im Stadtbild.

Vom Geschehen der Stadt, ihrer Entwicklung und Kultur, berichtet der Neustädter Kreisbote als amtliches Nachrichtenblatt seit dem 3. Oktober 1990 wieder regelmäßig. Auf Grund der schlechten Finanzlage musste er 1943 nach 125 Erscheinungsjahren eingestellt werden. Mit seiner Geschichte und Wiederentdeckung steht der Kreisbote auch symbolisch für die jüngere Vergangenheit Neustadts. Im Einklang mit der Historie bemühten und bemühen sich die Väter, Söhne und Töchter der Stadt, neue Wege zu beschreiten und dabei das Vergangene nicht zu vergessen.

„Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Erneuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen geordnete Verhältnisse, aber keine Bevormundung. Wir wollen freie selbstbewußte Menschen, die doch gemeinschaftsbewußt handeln.“[21] Der Aufruf des Neuen Forums aus dem Jahr 1989 könnte auch Wegweiser für die Zukunft Neustadts sein.

(Co-Autorin Yvonne Jackel; DIeser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 27.7.2012)


[1] Vgl. Schönfelder, Jan: Kirche, Kerzen, Kommunisten. Die demokratische Revolution in Neustadt an der Orla 1989/90. Weimar, Jena 2005. S. 12

[2] Schönfelder [wie Anm. 1], S. 72

[3] Vgl. Schönfelder [wie Anm. 1], S. 92 ff.

[4] Einwohnermeldeamt

[5] Protokoll zur 5. Tagung der Stadtverordnetenversammlung vom 14.11.1989, Stadtarchiv

[6] Vgl. Schönfelder [wie Anm. 1], S. 230 ff.

[7] Stadtverwaltung

[8]Vgl. Ostthüringer Nachrichten (OTN), Orlatal-Kurier, 29.06.1990

[9] OTN, Orlatal-Kurier, 03.07.1990

[10] Lange, Manfred und Wollschläger, Brit: Neustadt an der Orla. Bilder von gestern und heute. Jena 2007. S. 13

[12] Vgl. Korte, Karl-Rudolf: Das vereinte Deutschland 1989/90-2001, 2002.

[13] Vgl. Doehler, Martha und Reuther, Iris: Integriertes Stadtentwicklungskonzept Neustadt an der Orla 2020. Verknüpfung und Pflege der Nachbarschaft von Altstadt und Neustadt-Süd. Neustadt an der Orla, Leipzig 2008, S. 41

[14] Vgl. Stadtentwicklungskonzept Neustadt an der Orla, Stand Januar 2003, S. 9

[15] Vgl. Doehler, Reuther [wie Anm. 13], S. 42

[16] Vgl. Schönfelder, Jan: Aufbruch nach Deutschland. Politische Weichenstellungen in Neustadt an der Orla 1990-1994. Jena 2012.  S. 160 ff.

[17] Vgl. Doehler, Reuther [wie Anm. 13], S. 77

[18] Vgl. Stadtentwicklungskonzept [wie Anm. 14], S. 23

[19] Ebenda

[20] Ostthüringer Zeitung, Lokalteil Pößneck und Umgebung, 30.05.2012

[21] Aufruf des Neuen Forums (undatiert), Akte 8265

Jüngere Vergangenheit, die vielen noch aus eigenen Erinnerungen bekannt ist, stellt sich immer der Frage der Sichtweise. Diese zu beantworten kann nicht Thema des vorliegenden Beitrages sein, der kein Sammelsurium von Erinnertem sein soll. Er gibt keine umfassende Darstellung von Neustadt zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Mauerfall, sondern wagt, basierend auf schriftlich überlieferten Quellen, einen Rückblick auf einige Ereignisse und Entwicklungen im Zeitraum von 1945 bis 1990.

Der 8. Mai 1945, der als Tag der Befreiung gilt, markiert das Ende des nationalsozialistischen Deutschlands. Der Zweite Weltkrieg hinterließ einen Trümmerhaufen. Die Infrastruktur war zerstört, Nahrungsmittel und Kleidung Mangelware, Familien waren dezimiert und der Wohnraum knapp. Die Umsiedler aus dem Osten, 1946 etwa 2000 Personen, mussten untergebracht werden. Im Schützenhaus, Hotel Böttcher und später in der „Ankermarke“ (eh. Kratzenfabrik Seelemann) wurden Lager eingerichtet.[1] Rohstoffe fehlten, die Gas- und Elektrizitätsversorgung kam vielerorts zum Erliegen. Mit Fuhrwerken und LKWs wurden Kohlen aus den liegengebliebenen Zügen geholt und an die Bäcker verteilt, denn mit leeren Mägen lässt sich schwerlich ein Land wieder aufbauen.

Die Amerikaner, die am 15. April in Neustadt einmarschiert waren, überließen die Stadt am 2. Juli der Roten Armee, die tags zuvor die rote Fahne auf dem Rathaus gehisst hatte. Der Wind drehte sich. In welche Richtung er blies, wurde schon im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta vorgegeben, in der die Staatsoberhäupter der Alliierten über die Aufteilung Deutschlands berieten. Zur Verwaltung der Sowjetischen Besatzungszone, in der auch Neustadt lag, konstituierte sich die Sowjetische Militäradministration (SMAD). Schon einen Tag nach ihrer Gründung gestattete die SMAD am 10. Juni 1945 die Bildung und Tätigkeit von antifaschistischen Parteien. Bereits am 19. Juni gründeten 21 Genossen im Keller der zerbombten Bürgerschule (heutiges Gymnasium) die Ortsgruppe der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Am 11. April 1946 schlossen sich die Neustädter KPD und SPD in der Stadthalle zum Ortsverband der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zusammen.

Die Demontage von Produktionsanlagen der Rüstungsindustrie und die Entnazifizierung bestimmten das politische und wirtschaftliche Geschehen in den folgenden Jahren. Die SMAD-Befehle Nr. 124 und 126 vom Oktober 1945 ordneten an, Vermögenswerte des Deutschen Reiches, der NSDAP und ihrer Organe zu beschlagnahmen. Sequesterkommissionen sollten vor Ort ehemals nationalsozialistisch genutzte Vermögenswerte ermitteln. In Neustadt wurde ein Sequester-Ausschuss ins Leben gerufen. Betriebe, die an der Kriegsproduktion beteiligt waren, Kriegsgefangene oder ausländische Zivilisten beschäftigten oder deren Besitzer in der NSDAP oder anderen nationalsozialistischen Organisationen tätig waren, wurden zur Zwangsverwaltung vorgeschlagen. Nach Beendigung der Sequesterverfahren (Befehl Nr. 64 am 17. April 1948) wurden viele Neustädter Betriebe in Volkseigentum überführt, andere produzierten fortan mit staatlicher Beteiligung.

1948 ordnete die SMAD eine Währungsreform an. Am 19. Juni kamen unter polizeilicher Bewachung die ersten Banknotenbündel, insgesamt 3 000 000 Mark, in Neustadt an. Zwei Nächte hindurch wurden Couponmarken auf die Geldscheine geklebt, um sie gegenüber denen in den Westzonen, wo kurz zuvor ebenfalls eine Währungsreform angekündigt wurde, besonders zu kennzeichnen. Am 24. Juni begann der Umtausch alter Banknoten in die gekennzeichneten „Neuen“. Fünf Wochen später konnte dieses provisorische Geld in die neuen Geldscheine (Deutsche Mark der Deutschen Notenbank) getauscht werden.[2] Der Neustädter Bürgermeister Fritz Seiferth schrieb am 5. August 1948: „Es ist beschämend, daß wir 3 Jahre nach der Waffenruhe, trotz vieler und großer Anstrengungen nicht in die Lage versetzt wurden, einheitliches Geld in unserem Deutschland zu schaffen.“[3]

Das Jahr 1949 sollte für die politische Entwicklung des Landes und der Stadt ein richtungsweisendes Jahr werden. Am 15. und 16. Mai 1949 fand in der Sowjetischen Besatzungszone die Wahl zum „Deutschen Volkskongreß“ statt. Nur knapp 40% der über 7300 Wähler in Neustadt votierten für die Einheitsliste bestehend aus SED, CDU, LDP, NDPD, DBD, FDGB und zehn anderen Organisationen und Einzelpersonen.[4]  Doch im gesamten Wahlgebiet erhielt die Liste offiziellen Angaben zufolge 66,1% der Stimmen. Noch im selben Monat wählte der Kongress den Deutschen Volksrat, dessen Mitglieder sich am 7. Oktober 1949 zur provisorischen Volkskammer konstituierten, welche die „Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik“ zu geltendem Recht erklärte. Die DDR war geboren.[5]

Neustadt gehörte bis zur Bildung des Kreises Pößneck 1952 dem Landkreis Gera an. Im selben Jahr wurde Moderwitz eingemeindet. Zu den größten Problemen gehörte die immer noch schlechte Wohnraumsituation. Im Dezember 1953 wurde auf Beschluss des Ministerrats der DDR eine Verordnung erlassen, die den Zusammenschluss von Arbeitern, Angestellten und Angehörigen der Intelligenz zu Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften (AWG) gestattete. In den 1950er und 1960er Jahren wurden in Neustadt 420 AWG-Wohneinheiten fertiggestellt.[6]

Neben der Verstaatlichung der Betriebe wurde auch die Kollektivierung der Landwirtschaft nach sowjetischem Vorbild angestrebt. 1952 entstand die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG).  Aus dem landwirtschaftlichen Betrieb in Neustadt, der in der Ziegelei untergebracht war, wurde 1953 die LPG Typ III „Orlatal“ gegründet, die zehn Jahre später zur Erhöhung der Leistung in die LPG „Rotes Banner“ Neunhofen übernommen wurde. Auch in den Ortsteilen Moderwitz und Börthen schlossen sich Einzelbetriebe und Bauern zur LPG „Volle Kraft“ und LPG „Friedenseiche“ zusammen. Viele Bauern ließen sich allerdings schwer davon überzeugen, Land, Maschinen und Arbeitskraft in den Dienst des Kollektivs zu stellen. Bis 1960 waren gerade einmal 3,2% der Einzelbauern einer Genossenschaft beigetreten. Als Ergebnis des 8. Plenums des Zentralkomitees der SED im März 1960 stand der Plan, einen „Überfluss an Lebensmitteln zu schaffen, damit alle Menschen unserer Republik wirklich in Wohlstand leben können. Dieses Ziel ist nur zu erreichen, wenn unsere ehemaligen werktätigen Einzelbauern dazu übergehen, sich auf genossenschaftlicher Basis zusammenzuschließen und zielstrebig die sozialistische Großraumwirtschaft durchführen.“[7] Die massive Kampagne zeigte Wirkung. Es gelang, landesweit 85% der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Bewirtschaftung von Genossenschaften zu geben.[8]

Neben den richtungsweisenden politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen bemühte man sich nach dem Krieg um eine kulturelle Wiederbelebung der Stadt, an der Dr. Hugo Hartung maßgeblich beteiligt war. 1946 wurden das Schützenhaus zur jetzigen Stadthalle, Parkanlagen und Spielplätze hergerichtet, die Räumlichkeiten des ehemaligen „Geselligen Vereins“ zum Volkshaus umgebaut. Schon Ende der 1940er Jahre gab es in Neustadt ein vielfältiges Angebot an Veranstaltungen. Schauspiele, Kunstausstellungen, Opern- und Operettenabende, Tanzveranstaltungen, Theater-, Konzert- und Kleinkunstabende fanden in der Stadthalle, im Volkshaus, Café Schloßberg, Klausner Garten, im Eiskeller oder in Boettchers Hotel statt.[9] 1949 gab es zwei Lichtspieltheater.

Um Volkswirtschaftspläne erfüllen zu können und Frauen gleichberechtigt an die Seite der Männer zu stellen, mussten ihnen häusliche Belastungen abgenommen werden. 1953 zog der damals einzige Kindergarten an der Stadthalle in die Ernst-Thälmann-Str. 8 um. Mit den Kinderkrippen am Gamsenteich, in der Rathenaustraße (vorher Dauerheim) und in der Thomas-Müntzer-Straße, den Kindergärten am Centbaumweg, einem weiteren in der Ernst-Thälmann-Straße, dem Kindergarten in Molbitz und den Kinderhorten Am Eiskellerplatz und in der August-Bebel-Straße konnte das Angebot an Betreuungseinrichtungen immer weiter ausgebaut werden.

Auch die Schulen waren vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen. Die Bürgerschule (später Dr.-Theodor-Neubauer-Oberschule, heute Gymnasium), die ab 1942 als Lazarett diente, war nach Bombenangriffen bis auf die Grundmauern ausgebrannt. Unterrichtet wurde ab 1. September 1945 in der Oberrealschule (heute Schillerschule), weil aber die Räumlichkeiten nicht ausreichten auch im Heizhaus der Firma G. A. Seelemann & Söhne, in den Möbelwerken und in der Gasanstalt. Mit der Gründung der Einheitsschule 1947, zu der die Schulgebäude am Kirchplatz (ehem. Mädchenschule) und in der Jungferngasse gehörten, verbesserte sich die Lernsituation. 1948 wurde die nach dem Krieg von der Besatzungsmacht genutzte Goetheschule übergeben und 1950 die Bürgerschule wiedereröffnet. Die Fachräume wurden besser ausgestattet und die Anzahl der Klassenräume und Lehrkräfte erhöht.

Im Jahr 1953 stand das sozialistische System bereits am Rande des Zusammenbruchs. Die Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie litt unter der vorangegangenen Entwicklung. Die sozialen Spannungen unter den Arbeitern verschärften sich. Der Ministerrat der DDR hatte im Mai die Erhöhung der Arbeitsnorm in den volkseigenen Industriebetrieben um etwa 10% gefordert. Eine Welle des Protestes, die einen Tag zuvor mit einer Demonstration in Berlin ihren Anfang nahm, überrollte das Land am 17. Juni. In mehr als 560 Orten demonstrierten die Menschen für eine Herabsetzung der Normen, forderten den Rücktritt der Regierung und freie Wahlen. Mit Hilfe des sowjetischen Militärs wurde der Aufstand niedergeschlagen.

Viele unzufriedene DDR-Bürger flohen in den Westen, unter ihnen auch Neustädter, wie der Besitzer der Bärenbrauerei Alex Küntzel oder der HNO-Arzt Dr. Carnarius. Einige Unternehmer hatten sich in der Nachkriegszeit in Westdeutschland angesiedelt und warben um Fachkräfte aus der Heimat. Allein von Januar bis Oktober 1960 erreichten Betriebsangehörige des VEB Drahtwebstuhlbau 30 Pakete von Emil Jäger aus Münster. Von August 1958 bis Januar 1961 wurden 86 Neustädter Familien als republikflüchtig gemeldet.[10]

Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 und der Sicherung der innerdeutschen Grenze versuchte die SED-Führung, die Bürger im Land zu halten. Ein Jahr lang gab es fast keinen Abgang von Neustädtern auf die andere Seite des nunmehr zementierten „Eisernen Vorhangs“. Mit der im Januar 1962 eingeführten allgemeinen Wehrpflicht wollte man der „geschichtlichen Verantwortung unseres Arbeiter- und Bauern-Staates als der Hüter des Friedens“ Rechnung tragen, denn „Die Taube muß gepanzert sein“, titelt die Volkswacht am 25. Januar 1962.

„Ganz Deutschland soll ein reiches und blühendes Land der friedlichen Arbeit werden, Stolz und Freude für seine Bürger und geachtet unter den Völkern.“ [11], formulierte Walter Ulbricht 1962. Die Parole spiegelte sich in der Entwicklung Neustadts in den 1960ern durchaus wieder. Zahlreiche Gebäude wurden durch Fassadenputz und Anstrich erneuert und eine Interessengemeinschaft hat am Gaswerk 27 Reihengaragen errichtet. In vielen Wohnhäusern wurden Wasserspülklosettanlagen eingebaut, Dächer renoviert oder eingedeckt, Öfen und Herde eingebaut. Gab es 15 Jahre zuvor nur eine staatliche Handelsverkaufsstelle, waren es 1964 schon 36. Die Verkaufsstelle für Obst und Gemüse in der Schloßgasse 15 wurde 1968 u.a. wegen ihrer Sauberkeit, dem Angebot und guter Werbung zur vorbildlichsten im ganzen Kreis erhoben. Auch die Versorgung in der Vorweihnachtszeit schien gesichert. 113 Tonnen Orangen standen im Kreis zur Verfügung, Wein und Sekt war ausreichend im Angebot. Nüsse waren ab 4.12. im Einzelhandel erhältlich, Backzutaten zwei Wochen eher. Der Bedarf an Kakaoerzeugnissen, mit Ausnahme von Weinbrandbohnen ohne Kruste, konnte gedeckt werden.[12]

Doch fehlende Weinbrandbohnen waren nicht der einzige Missstand. Viele Geschäfte entsprachen nicht den Anforderungen einer modernen Handelstätigkeit. Der größte Teil der Verkaufsstellen bestand aus kleinen und mittleren Geschäften mit beengten Lagermöglichkeiten.[13] Auch die Industriewarenverkaufsstellen entsprachen kaum der Forderung nach einer komplexen Versorgung. Die Anzahl und Größe der Gaststätten war ausreichend, wobei eine Verbesserung der Leitung, Bedienung und Sauberkeit ebenso gefordert wurde wie eine bessere Ausstattung.[14]

Eine der wenigen Möglichkeiten für Bürger, sich aktiv und kritisch mit der Produktions- und Planungspolitik in der DDR auseinanderzusetzen, waren Beschwerden in Form von Eingaben. Im Neustadt der mittleren 1960er Jahre wurden etwa 1100 Eingaben pro Quartal gemacht. Die meisten Beschwerden betrafen schlechte Straßen-, Gehwegs-, und Beleuchtungsverhältnisse, vor allem aber Wohnungsangelegenheiten. So machte im Juni 1967 eine sechsköpfige Familie wiederholt darauf aufmerksam, in einer 2 1/2 –Zimmer-Wohnung in der Rodaer Straße leben zu müssen und schon seit vier Jahren vergebens nach einer anderen Wohnung gesucht zu haben.[15] Reklamiert wurden beispielsweise auch lange Wartezeiten für die Reparatur von Waschmaschinen und eine Versorgungslücke bei Fahrradschläuchen. Im Januar 1969 bemängelten Werktätige des VEB Kratzenfabrik, dass die Nachfrage nach elektrischer Weihnachtsbaumbeleuchtung hoch sei, es aber keine zu kaufen gäbe. Neustadt hatte gemäß der 1968 erfassten Umsatzgröße der Spezialverkaufsstelle Elektrowaren nur 70 Stück zugeteilt bekommen.[16]
Mit dem Nationalen Aufbauwerk (NAW) und später der Mach-Mit-Bewegung gab es Initiativen, in denen die Bevölkerung zu freiwilliger und gemeinnütziger Arbeit aufgerufen wurde. So konnten zahlreiche Objekte von gemeinschaftlichem Interesse geschaffen werden: Kindergärten, die chirurgische Abteilung als Haus II des Krankenhauses, das Verkehrszentrum in der Rodaer Straße, Sportstätten und Wasserleitungen. 1963 wurden 2000 m² Gehwege gebaut. Die Schüler des Berufsschulinternates und die Belegschaft der Orla-Kleidung unterstützten die Unterhaltung der Park- und Grünanlagen. Im ersten Halbjahr 1966 haben 879 Bürger 11 952 NAW-Stunden erbracht.[17]

Im April 1968 wurde der erste Volksentscheid in der Geschichte der DDR durchgeführt. Es sollte auch der letzte bleiben. Die Bürger waren aufgerufen, über eine neue Verfassung der DDR abzustimmen. In Neustadt beteiligten sich 99,06% der 7111 Stimmberechtigten an diesem Volksentscheid, über 97% stimmten für die Verfassung.[18] Diese hatte allerdings nur bis 1974 Bestand. Dann trat eine neue Verfassung in Kraft, in der die Verbundenheit zur Sowjetunion bekräftigt und Formulierungen über ein geeintes Deutschland entfernt wurden.

Trotzdem gab es immer wieder Phasen, in denen man eine deutsch-deutsche Annäherung versuchte (Transitabkommen 1971, Grundlagenvertrag 1972). Wurde Anfang der 1950er Jahre noch eine tägliche Brandwache vom Turm der Johanniskirche abgehalten, um die bevorstehende Ernte vor westlichen Angriffen zu schützen, wurde die gesamtdeutsche Arbeit 1955 für gut befunden und in den Rats- und Gemeindevertretersitzungen regelmäßig behandelt.[19] Im Juni 1960 reisten je ein Vertreter vom Rat des Kreises und der Städte Neustadt und Triptis nach Niederbayern, um dort Bürgermeister verschiedener Städte für den Deutschen Städte- und Gemeindetag in Eisenach zu gewinnen und Kontakt zu SPD-Politikern aufzunehmen. Auf Aussprachen mit westdeutschen Besuchern wurde großen Wert gelegt.

Nachdem eine 1970 ausgebrochene Versorgungskrise als überwunden galt, kündigte der neue Parteichef Erich Honecker 1971 auf dem VIII. Parteitag der SED eine Erhöhung des Lebensstandards für die DDR-Bürger an. Auch das Gesicht Neustadts, das in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre über 10 000 Einwohner hatte, veränderte sich an vielen Stellen. 1971/72 wurden abermals eine Reihe von Betrieben verstaatlicht. Es entstanden zahlreiche neue Eigenheime. 1977 fand die Übergabe des ersten Wohnblocks in Neustadt-Süd statt. Etwa die Hälfte der 800 Beschäftigten der Schweinezucht- und -mastanlage bei Weira, die 1978 in Betrieb ging, wohnte hier.[20] Die Kombinierte Kindereinrichtung An der Körnerlinde wurde eröffnet und die Karl-Marx-Oberschule übergeben. Die Sportstätte der Freundschaft mit einem Sportlerheim in der Karl-Liebknecht-Straße wurde eingeweiht (1972) und in der Friedhofstraße entstand eines der modernsten Feuerwehrdepots des Bezirkes Gera (1975). 1976 erfolgte die Eingemeindung von Molbitz mit Döhlen.

Das mit den 1980er Jahren das Kapitel der Deutschen Demokratischen Republik seinen Abschluss findet, hätten wohl die wenigsten geglaubt. Trotz der maroden Bausubstanz an vielen Stellen der Stadt erlebte Neustadt eine Zeit, in der sich Einiges bewegte. Von 1984 bis 1989 wurden 518 Wohnungen modernisiert, 2281 instandgesetzt, Trinkwasserleitungen und Verkehrswege verbessert.  Der Kindergarten Am Rosenweg und die Kaufhalle in Neustadt-Süd wurden eröffnet.[21] Viele Bemühungen um eine sehenswerte Stadtentwicklung verdankt Neustadt der 700-Jahrfeier zur Ersterwähnung der Stadt im Jahr 1987. In Vorbereitung dieses Jubiläums wurden zahlreiche Maßnahmen vorgenommen, den historischen Stadtkern attraktiver zu gestalten. Die Rekonstruktion des historischen Marktplatzes mit der Postmeilensäule an der Ostseite und die Umgestaltung der oberen Rodaer Straße zu einem Fußgänger- und Einkaufszentrum trugen maßgeblich zur Verschönerung des Stadtzentrums bei. Die mittelalterlichen Fleischbänke wurden restauriert und der Busbahnhof vom Marktplatz in die Triptiser Straße verlegt.

1988 feierte man das erste Brunnenfest der Neuzeit und griff damit eine jahrhundertealte Tradition wieder auf. Am 30. April des Jahres fand die Übergabe des Marktbrunnens statt, auf dessen Brüstungsplatten die Zunftzeichen von Handwerkern dargestellt sind, die seit der Stadtentstehung hier ansässig waren. Bild 6: Abriss Volkshaus 2002 (Stadtarchiv, Bestand Kulturamt)

Doch diese ereignisreiche Zeit konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass sich landesweit eine Entwicklung abzeichnete, die das Ende der Deutschen Demokratischen Republik einläutete. Mit Friedensgebeten und Demonstrationen, Unterschriftensammlungen, Lichterketten und Runden Tischen wurde die DDR zu Grabe getragen – ein Land, dessen Lebensdauer auf dem Zeitstrahl der Neustädter Geschichte einen kaum wahrnehmbaren Abschnitt einnimmt und trotzdem ein ganzes Kapitel der Stadtgeschichtsschreibung darstellt, dessen Aufarbeitung vielleicht länger dauern wird, als es die DDR überhaupt gab.

(Dieser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 29.6.2012.)


[1] Vgl. Schreiben des Bürgermeisters an den Landrat vom 24.6.1946, Akte 5603, StA Neustadt

[2] Vgl. Akte 8645, StA Neustadt

[3] Akte 8645, StA Neustadt, Bl. 1

[4] Vgl. Akte 8211, StA Neustadt

[5] Vgl. Malycha, Andreas: Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961). In: Geschichte der DDR. Informationen zur politischen Bildung Heft 312, 2011. S. 49-65

[6] Vgl. Pfannenschmidt, Helmut: Chronologische Aufzeichnungen zur Entwicklung der Stadt Neustadt an der Orla seit 1945. Um 1979. Ergänzt und korrigiert von Hans-Jürgen Trinkl 2004

[7] Akte 8640, StA Neustadt, Bl. 84

[8] Vgl. Malycha, Andreas [wie Anm. 5]

[9] Vgl. Akte 8108 u. 8111, StA Neustadt

[10] Vgl. Akte 10570, StA Neustadt

[11] Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht. Köln, Weimar und Wien 2000. S. 169

[12] Vgl. Akte 10569, StA Neustadt

[13] Vgl. Akte 10569, StA Neustadt

[14] Vgl. Akte 10564, StA Neustadt

[15] Vgl. Akte 10576, StA Neustadt

[16] Vgl. Akte 10568, StA Neustadt

[17] Vgl. Bericht über die politisch-ideologische Lage der Stadt an den Rat des Kreises, Akte 10573, StA Neustadt

[18] Vgl. Akte 8260, StA Neustadt

[19] Vgl. Akte 10565, StA Neustadt, Untersuchung der Verwaltung im Jahr 1955

[20] Vgl. Schönfelder, Jan: Mit Gott gegen Gülle. Die Umweltgruppe Knau/Dittersdorf 1986 bis 1991. Eine regionale Protestbewegung in der DDR. Rudolstadt & Jena 2000

[21] Vgl. Volkswacht, 1. Februar 1989

„Seit über 10 Jahren bin ich unter Opfern an Zeit und Geld damit beschäftigt, alle erreichbaren kunst- und bauhistorischen, volkskundlichen, auch prähistorischen und geologischen Denkmäler aller Art von Neustadt und Umgebung im Bilde festzuhalten und so ein Bildwerk zu schaffen, das unsere Zeit in jeder Hinsicht, das Leben und Treiben der Menschen in Stadt und Land und ihrer Arbeit wiedergibt und der Zukunft überliefert […]“[1], schreibt Dr. Karl Ehrlicher in einem Brief am 31. März 1939.

Wilhelm Alfred Karl Ehrlicher wurde am 29. März 1880 in Sonneberg als Sohn des Kaufmanns Louis Ehrlicher geboren. Nach dem Besuch der Bürgerschule und später der Realschule in Sonneberg wechselte Ehrlicher an das Casimirianum in Coburg, wo er im Jahr 1900 das Abitur ablegte.
In Heidelberg, Berlin und München studierte er einige Semester Klassische Philologie, Kunstgeschichte und Germanistik. Die Studien setze Ehrlicher von 1902 bis 1907 in Leipzig fort, wo er 1906 seine Dissertation einreichte („Zur Syntax der Sonneberger Mundart: Gebrauch der Interjection, des Substantivs und des Adjectivs“) und im März desselben Jahres die philosophische Doktorwürde erlangte.
Am 1. Juli 1915 trat Dr. Karl Ehrlicher seinen Dienst im Heer an. Zunächst in Radebg./Dresden, später in Breslau stationiert, wurde Ehrlicher im Oktober 1915 an die Westfront versetzt. Im Juli 1916 geriet er in französische Kriegsgefangenschaft, wo er die nächsten dreieinhalb Jahre vorwiegend als Land- und Hafenarbeiter eingesetzt wurde. Im Februar 1920 nach Sonneberg zurückgekehrt zwangen ihn das erschöpfende Gefangenenleben und die steigende Nervosität durch die Vorbereitung auf das Examen zu einer Pause.
Stand vor dem Krieg noch die Wahl, eine akademische Laufbahn einzuschlagen oder Lehrer zu werden, sah sich Ehrlicher aufgrund der veränderten Verhältnisse „genötigt, [die] akademische Laufbahn endgültig fallen zu lassen.“[2]
Nachdem er im März 1921 das Staatsexamen abgelegt hatte, bat Ehrlicher darum, seine Vorbereitungsdienste im nahegelegenen Hildburghausener Gymasium leisten zu dürfen, um seine Arbeit an Sonneberger Wörterbüchern und Geschichtsstudien fortsetzen zu können.
Seine Bitte fand Berücksichtigung, allerdings nur für die nächsten drei Monate, dann wurde er Studienreferendar in Jena, wo er im September 1923 die pädagogische Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen bestand. Im Anschluss fand er eine Anstellung als Studienassessor am Lyzeum in Meiningen.
Dr. Karl Ehrlicher wurde mit Wirkung vom 1. April 1925 an die Oberrealschule nach Neustadt an der Orla versetzt (heutige Schillerschule), wo er Deutsch, Englisch und Französisch unterrichtete und die ausscheidende Studienrätin Dr. Anna Hirschberg ersetzen sollte. Schon bald begann Ehrlicher, von seinen Schülern auch Dedi oder Detty-Bär genannt, sich für die Neustädter Heimatgeschichte zu interessieren. 1926, im Jahr seiner Ernennung zum Studienrat, übernahm er die Leitung und Beaufsichtigung des Ortsmuseums und sorgte für eine Neuordnung der Museumsgegenstände. Ein weiteres Jahr später begann er, seine Fotosammlung aufzubauen, zumindest sind uns aus dem Jahr 1927 die ersten Fotografien überliefert. Neben der stetigen Erweiterung seiner Fotosammlung unterstützte er Ausgrabungen bei Dreitzsch, am Totenstein und bei den Döbritzer Höhlen, erwirbt sich so große Verdienste um die Aufarbeitung der Heimatgeschichte und legt den Grundstein für zukünftige anschauliche Erinnerungskultur und Geschichtsforschung – bis zum Jahr 1939.
Am 12. April 1939 musste Dr. Karl Ehrlicher seinen Dienst an der Schillerschule in Rudolstadt antreten. Zwei Jahre später forderte ihn das Wehrmeldeamt Rudolstadt auf, sich für einen Dolmetscherposten in der Wehrmacht zu verpflichten. Ehrlicher war zu diesem Zeitpunkt bereits 61 Jahre alt. Vermutlich war es auch einer Stellungnahme seines Schulleiters zu verdanken, dass er den Kriegsdienst nicht ein weiteres Mal antreten musste und am 1. September 1945 in den wohlverdienten Ruhestand eintreten konnte. Im September 1950 kehrte Dr. Karl Ehrlicher nach Sonneberg zurück, wo er am 30. Oktober 1955 unverheiratet und kinderlos starb.

Als ihm die Versetzung aus Neustadt drohte, gab Ehrlicher zu bedenken, dass seine „Arbeit – es handelt sich bis jetzt um ungefähr 4000 Aufnahmen in 42 Bänden – […] natürlich Fragment bleiben [müsste], da hier niemand zu finden ist, der diese Arbeit fortsetzen und abschließen kann.“[3] Leider ist dieses „Fragment“ nicht vollständig überliefert. Trotzdem muss man es als großes Glück werten, dass ca. 2800 Aufnahmen aus der Fotosammlung von Dr. Karl Ehrlicher im Stadtarchiv Neustadt aufbewahrt werden können.

 (Der Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 18.11.2011)

Quellen:

Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Personalakte aus dem Bereich Volksbildung Nr. 5460 und  5460/1

Universitätsarchiv Leipzig, UAL, Phil. Fak. Prom. 6871

Stadtarchiv Neustadt an der Orla, Akte Nr. 9335

Stadtarchiv Neustadt an der Orla, Akte Nr. 9340

Stadtarchiv Sonneberg, Meldeschein

Zur Syntax der Sonneberger Mundart: Gebrauch der Interjection, des Substantivs und des Adjectivs; Inaugural-Dissertation zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde, Leipzig 1906

Neustädter Heimatbote Nr. 9 (1982)

Neustädter Heimatbote Nr. 10

Neustädter Kreisbote, 5. Mai 1926

Neustädter Kreisbote, 12. Mai 1927

Neustädter Kreisbote, 22. Februar 1939

Einwohnerbuch des Landkreises Gera, 1930


[1] ThHStA Weimar, Personalakten aus dem Bereich Volksbildung, Nr. 5460, Bl. 87 f.

[2] Ebenda

[3] HStA Weimar, Personalakten aus dem Bereich Volksbildung, Nr. 5460, Bl. 87 f.

Von der „Jämmerlichkeit ewiger Zoobesuche“

Wenn Vater und Tochter Silvester gemeinsam mit Freunden auf Sylt verbringen, klingt das nach einem harmonischen Jahreswechsel. Doch die Stimmung ist verhalten, wie auch das Verhältnis der beiden zueinander. Die 13-jährige Annika lebt seit der Trennung ihrer unverheirateten Eltern bei der Mutter. Ihr Vater Peter sorgt sich zwar um sie, hat aber kein Recht auf Sorge. Kontakt gibt es nur, wenn die Mutter es will. Peter liebt seine Tochter, aber aus dieser Liebe wird oft Angst vor Fragen und der ewigen Anklage: „Du warst nie da, wenn irgendetwas passiert.“

Die Ohnmacht, bei allem außen vor zu sein, lässt Peter glauben, ein Rabenvater zu sein: „Man wird die Schuld nicht los, so viel man davon auch auf sich nimmt.“ Am Silvesterabend eskaliert die Situation. Aus angestauter Wut wird Gewalt. Es folgen Erklärungen, die keine Rechtfertigung sein können, wohl aber tiefe Einblicke in das Leben eines Vaters geben, der keiner sein darf.