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Archive for the ‘Buchtipps’ Category

beschissatlas

Auf dem Fußboden liegt eine Golfmatte. Daneben steht ein Glas, gefüllt mit einer sprudelnden Flüssigkeit. Vielleicht Champagner? An der Wand hängen Bilder von Yachten. Eine Person mit Businessschuhen spielt Bürogolf mit einem Ball, der aussieht wie eine Erdkugelminiatur. Ein Geschäftsmann, der mit unserem Planeten spielt, während er dem Luxus frönt. Im wahrsten Sinne ein „Global Player“.
So könnte man die Illustration deuten, die man im „Beschissatlas“ von Ute Scheub und Yvonne Kuschel entdecken kann. Das Buch voller „Zahlen und Fakten zu Ungerechtigkeiten in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt“ erweckt den Eindruck, als würden Arbeits-, Ernährungs-, Verteilungs-, Geschlechter-, Migrations-, Klima- oder Rüstungsfragen oft mit Beschiss beantwortet.
Die Fakten, die auf 400 Quellen basieren und eine ungeahnte Vielfalt von Fehlentwicklungen zeigen, sind originell illustriert. Die Zeichnungen lockern die schwer verdaulichen Informationen nicht nur optisch auf, sondern bringen sie auch auf den Punkt. Zum Beispiel die Abbildung einer Ortschaft mit Wohnhäusern und einer Kirche. Die fleißigen Einwohner pflegen akkurat die Umfriedungen ihrer Eigenheime. Die Hecken, die sie verschneiden, haben die Form von Hakenkreuzen. Darunter stehen die nackten Zahlen: Mehr als ein Viertel der Deutschen stimmen ausländerfeindlichen Parolen zu. An die Überlegenheit ihrer Landsleute gegenüber anderen Völkern glaubt jeder Fünfte und 13 Prozent befürworten einen „starken Führer“.
Der „Beschissatlas“ zeigt, wo Betrug stattfindet, nämlich überall. Er ist kein Kartenwerk im geographischen Sinne, enthält aber einen Lageplan der Gesellschaft und gibt Wege als Alternativen zur aktuellen Fahrtrichtung an. Jeder EU-Bürger benutze beispielsweise im Schnitt 500 Plastiktüten pro Jahr. Seit in Irland Plastiktüten mit 22 Cent besteuert werden, sank der Jahresverbrauch um über 90 %. Mehr als sechs Millionen Deutsche gehen regelmäßig ins Fitnessstudio. Sie könnten eine ganze Stadt mit Licht versorgen, würde man die mit Fahrrad-Ergometern erzeugte Energie ins Stromnetz einspeisen. Eine Fregatte 125 kostet die Bundesregierung 650 Millionen Euro. Mit dem Geld könnten in Afghanistan Schulen für neun Millionen Kinder neun Jahre lang betrieben werden.
Beschiss ist eine vorsätzliche Täuschung. Er setzt die Existenz des Bewusstseins dafür voraus, dass es auch anders ginge. Das Buch gibt genügend Anhaltspunkte, anders zu denken und anders zu handeln.  Spätestens, wenn der Schampus leer und der Ball versenkt ist, wird auch der „Global Player“ erkennen,  dass wer mit der Erdkugel spielt, nur Eigentore fabriziert.

(Der Beitrag ist nachzulesen im NOTausgang, Nr. 3/2013.)

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Hans-Eckardt Wenzel und Antje Vollmer 2012 in der Stadtbibliothek Neustadt an der Orla

Hans-Eckardt Wenzel und Antje Vollmer 2012 in der Stadtbibliothek Neustadt an der Orla

Beim Blick in das Programm der IMAGINATA fiel mir eine Veranstaltung besonders ins Auge. Am 21. November kommt Antje Vollmer nach Jena, um ihr Buch „Doppelleben“ vorzustellen. Begleitet wird sie vom Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel, der für musikalische Einlagen sorgt. Diese Mischung aus Musik und Text verspricht eine ganz besondere Wirkung.
Antje Vollmer widmet sich in ihrem Buch Heinrich Graf Lehndorff und dessen Frau Gottliebe. Deren Anwesen im ostpreußischen Steinort lag nur wenige Kilometer von Hitlers Wolfsschanze entfernt. Ein Flügel ihres Schlosses wurde ab 1941 von Reichs-Außenminister von Ribbentrop bewohnt. Gleichzeitig waren die Lehndorffs enge Vertraute des Kreises um die Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944. Ein gefährliches Doppelleben.
Beim Lesen des Buches fragte ich mich immer wieder: Warum ist dieses Kapitel des Widerstands so wenig bekannt und fand in der Aufarbeitung deutscher Geschichte bisher wenig Beachtung? Die Antwort darauf liegt wahrscheinlich in der weiteren Entwicklung der beiden Deutschen Staaten begründet. Die Lehndorffs mit ihrer aristokratischen Herkunft und dem hohen sozialen Status taugten nicht als Widerstandsidole im Arbeiter- und Bauernstaat.
In der BRD fand die Aufarbeitung der NS-Zeit nur marginal statt. Die 68er-Bewegung, in der Jugendliche ihre Elterngeneration kritisch be- und hinterfragten, bediente sich vorwiegend linken Ideologien. In diese passten die Lehndorffs ebenso wenig hinein.
Nun nach fast 70 Jahren leistet Antje Vollmer mit ihrer Doppelbiografie einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung, den sie ihrem Publikum auch im direkten Kontakt gekonnt vermittelt.

(Der Beitrag ist nachzulesen im NOTausgang, Nr. 3/2013.)

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Alle Jahre wieder: Wenn das Weihnachtsfest vor der Tür steht, ist das Leben in der Stadt hektischer denn je. Stau auf den Straßen und an den Kassen. Karlheinz A. Geißlers neues Buch schien mir in der Vorweihnachtszeit 2012 die passende Lektüre in dieser scheinbar davoneilenden Zeit zu sein. „Lob der Pause. Von der Vielfalt der Zeiten und der Poesie des Augenblicks“, erschienen im oekom Verlag, blieb allerdings unangerührt auf meinem Nachschränkchen liegen. In einer Zeit, in der Andere besonders große Ansprüche auf die eigene Zeit erheben, muss man sich eben selbst hinten anstellen.
Der Verfasser des Buches würde jetzt vermutlich mit dem Kopf schütteln, denn das Schöne an der Zeit sei, „dass sie immer zu vielen auftaucht. Sie existiert nur im Plural.“ Die Zeitvielfalt müsse aber entdeckt werden.
Warten ist verlorene Zeit. Umwege kosten Zeit. Pausen verschwenden Zeit. Zeit ist immer knapp bemessen. Regelmäßig bedauern wir, zu wenig oder gar keine Zeit zu haben. Wir versuchen, der Zeit Herr zu werden, indem wir möglichst viel von ihr einsparen. Aber Geißler stellt fest: „So unmöglich es ist, den Wind zu fangen, so ausgeschlossen ist es, die Zeit in den Griff zu bekommen. Denn nicht der Mensch beherrscht, es ist die Zeit, die über den Menschen herrscht.“ Unter allen Lebewesen sei der Mensch das einzige, das Zeit sparen will. Aber je mehr Zeit eingespart werde, umso größer sei die Klage, unter Zeitdruck zu stehen.
Um Zeit zu sparen, versuchen wir, schnell zu sein. Der Zeitgeist, so der Autor, der seit über 25 Jahren ohne Uhr lebt, belohne alles Schnelle und Mobile. Doch, „die immer nur schnell sind, verpassen viel, laufen an Wichtigem vorbei und gefährden darüber hinaus Leib und Leben.“ Die Schnellen seien nicht schneller am Ziel, sondern rascher am Ende.
Der Wirtschaftspädagoge und Zeitforscher  verurteilt Schnelligkeit nicht generell. Es sei wichtig, schnell sein zu können, aber eben nicht notwendig, immer und überall schnell zu sein. Stattdessen sollten wir auf überflüssiges Tempo verzichten und allem eine angemessene Geschwindigkeit geben.
Eine besondere Bedeutung misst  Geißler Pausen bei. „[…] sie sind wirkungsvolle und sinnvolle Leerstellen […]. Sie dienen dem Nach- und dem Vorausdenken, regen zum Fantasieren und Träumen an, erlauben das Abschalten und Verarbeiten in einem. […] Pausen sind Zwischenzeiten, die Gelegenheit bieten, zu sich zu kommen […] und bieten die Gelegenheit, durch einen sanften Sturz aus dem Gewohnten gestärkt wieder auf die Beine zu kommen, um schließlich mit mehr Kraft und neuen Ideen fortzufahren.“
Karlheinz A. Geißler gelingt mit seinem Buch eine kritische und durchaus allgemeingültige Analyse unseres Verständnisses von Zeit und unseres Umgangs mit ihr. Doch was nützt alle Theorie, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt wird? Aktives Tun und absichtliches Nichtstun, die Rekultivierung vom Schlendern, Bummeln und Trödeln, können dem Leben eine neue Qualität verleihen. Nehmen wir uns ein Beispiel an unseren Kindern, die dem Blick auf die Uhr keinen Wert beimessen. Wir holen sie aus dem Kindergarten ab und drängen auf das Nachhausegehen, um dort unsere „unaufschiebbaren“, von uns als wichtig erachteten Tagesordnungspunkte abzuarbeiten. Schauen wir ihnen doch einfach zu, wenn Sie sich im Herbstlaub wälzen. Machen wir mit, wenn sie minutenlang eine Schnecke bestaunen. Lassen wir Zeit einfach mal Zeit sein. Wir haben doch eigentlich genug davon. Wer sich auch die Zeit dafür nimmt, sich auf das Buch einzulassen, wird zwangsläufig über den eigenen Umgang mit Zeit nachdenken.

Die Buchbesprechung ist nachzulesen im NOTausgang Ausgabe 2/2013

Karlheinz A. Geißler: Lob der Pause. Von der Vielfalt der Zeiten und der Poesie des Augenblicks; München:  oekom verlag, 2012. ISBN 978-3-86581-320-6

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Von der „Jämmerlichkeit ewiger Zoobesuche“

Wenn Vater und Tochter Silvester gemeinsam mit Freunden auf Sylt verbringen, klingt das nach einem harmonischen Jahreswechsel. Doch die Stimmung ist verhalten, wie auch das Verhältnis der beiden zueinander. Die 13-jährige Annika lebt seit der Trennung ihrer unverheirateten Eltern bei der Mutter. Ihr Vater Peter sorgt sich zwar um sie, hat aber kein Recht auf Sorge. Kontakt gibt es nur, wenn die Mutter es will. Peter liebt seine Tochter, aber aus dieser Liebe wird oft Angst vor Fragen und der ewigen Anklage: „Du warst nie da, wenn irgendetwas passiert.“

Die Ohnmacht, bei allem außen vor zu sein, lässt Peter glauben, ein Rabenvater zu sein: „Man wird die Schuld nicht los, so viel man davon auch auf sich nimmt.“ Am Silvesterabend eskaliert die Situation. Aus angestauter Wut wird Gewalt. Es folgen Erklärungen, die keine Rechtfertigung sein können, wohl aber tiefe Einblicke in das Leben eines Vaters geben, der keiner sein darf.

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Als ich das Buch „Die Schuld der Mitläufer: Anpassen oder Widerstehen in der DDR“ in den Händen hielt, war mein erster Gedanke: Noch ein Buch zu einem Thema, das doch abgehakt ist. Die Autoren der Textsammlung sind altbekannt. Erich Loest und Stephan Krawczyk kommen zu Wort, Wolf Biermann, Freya Klier und Lutz Rathenow dürfen nicht fehlen. Doch schon nach den ersten Texten wurde mir klar, dieses Buch ist anders, denn hier kommen mitgelaufene Stehenbleiber, Vorkämpfer, Dulder, Zweifler und Bereuer zu Wort und reflektieren kritisch das eigene im allgemeinen Leben. Stephan Krawczyk schreibt in seinem Beitrag: „Ich setzte mich hin, dachte nach, wie man die Umstände überlisten könnte, und kam doch immer wieder bei mir selber an.“ Je nachdem, wo man steht und wie man dorthin gelangt ist, kann jeder für sich selbst entscheiden: schuldig oder nicht? Das war früher so und ist heute nicht anders. Denn damals wie heute galt und gilt „Alle jammern, wie beschissen es ist. Aber daß es so beschissen ist, weil alle schön den Mund halten, das lassen die meisten gar nicht an sich ran.“ (Freya Klier)

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Burnout der Wirtschaft

Wirtschaft im Erschöpfungszustand
ein Plädoyer für Wertewandel

Körper und Geist sind „ausgebrannt“. Erschöpfung, Leistungsabfall, Leere kennzeichnen den Prozess, in dessen Verlauf eine idealistische Begeisterung der Desillusionierung, Frustration und Apathie weicht. Das klinische Wörterbuch Pschyrembel bezeichnet diesen Zustand als Burn-out-Syndrom.
Während sich dieses Leiden immer mehr zur Volkskrankheit entwickelt, hat Peter H. Grassmann den Burn-out des Wirtschaftssystems diagnostiziert. Wer will ihm angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise und verzweifelter Rettungsversuche nicht Recht geben?
Grassmann, einst Generaldirektor und Vorstandsmitglied für den Bereich Medizinische Technik bei der Siemens AG, ist in Thüringer Gefilden kein Unbekannter. Von 1995 bis 2001 war er als Vorstandsvorsitzender für die Sanierung und Neuausrichtung von Carl Zeiss in Oberkochen und Jena verantwortlich.
Seine Therapievorschläge, dem Burn-out Einhalt zu gebieten, sind in diesem Jahr im oekom Verlag als Buch erschienen: Burn Out: Wie wir eine aus den Fugen geratene Wirtschaft wieder ins Lot bringen.
Das Grassmann’sche Modell baut vor allem auf Dialog, an dem die gesamte Gesellschaft teilnimmt und der zu einem neuen Wertecodex führen kann, auch, um der Klimaverantwortung gerecht zu werden. Unternehmer und Vertreter der Wirtschaftsverbände sollen am Runden Tisch sitzen, ebenso sachkundige Wissenschaftler und NGOs (Non-Governmental Organizations, also Nichtregierungsorganisationen). Verantwortung übernehmen könne aber jeder Einzelne: „Denn wir als Verbraucher tun ja gerne so, als ob die Verfehlungen nur aus der ‚Marktwirtschaft‘ kämen, und meinen damit […] die Wirtschaft und deren Manager. Aber das ist zu einfach. Für den Marktwirtschaftler liegt die große Macht beim Kunden, nur von ihm kommt das Geld.“
Das Bewusstsein, als Einzelner etwas tun zu können und nicht auf den Staat zu warten, dient auch einer Mitbestimmung der Zivilgesellschaft, die sich neben der Legislative, Exekutive und Judikative zur vierten Gewalt entwickeln könne. Wirtschaftliche und politische Arbeit seien sehr komplex, aber unvollkommen, wenn Bürger nicht eingebunden sind.
Peter H. Grassmann hat ein Buch vorgelegt, das erstaunt, obwohl es in den abgesicherten Fahrwassern des Ruhestandes verfasst wurde, denn die Wandlung hin zum nachhaltig denkenden Wirtschaftskritiker gelingt wohl den wenigsten Top-Managern. Auf 149 Seiten offenbart Grassmann ungeschönte Wahrheiten und hoffnungsvolle Ansätze.
Die Wirkung des Buches wird sich wahrscheinlich in Grenzen halten. Menschen, die empört sind, werden es lesen, wohl aber nicht diejenigen, die für Empörung sorgen. Um aus dem Dilemma heraus zu rudern, müssen allerdings alle Beteiligten in einem Boot sitzen.
Doch jeder neue Weg erfordert Wissen und Verständnis, hierzu kann das Buch sicherlich beitragen.

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wiel

Was nach einer Liebesschnulze klingt, ist mein Buch des Monats, wenn nicht sogar des Quartals 😉

Herr W. bekommt unerwartete Post. Er wird zu einer Podiumsdiskusssion der Untergrunddichter der DDR eingeladen und fragt sich, ob denn nicht eine Verwechslung vorliegt, schließlich war er weder Dichter, noch im Untergrund. Nach einem Telefonat mit den Initiatoren wird er neugierig und fordert seine Stasi-Akte an. Beim Lesen entdeckt er Gedichte, die er als Jugendlicher geschrieben, aber irgendwann verbrannt hat. Die Stasi sammelte und interpretierte diese akribisch. Herr W. wurde zum Staatsfeind erklärt, dabei schrieb er diese Gedichte weder für den Widerstand noch gegen den Staat, sondern lediglich, um Liane zu imponieren, seiner Jugendliebe, die in München wohnte.
Wieland nähert sich der Thematik weder mit erhobenem Zeigefinder, noch neunmalklug nach dem Motto „Ich habe das Spiel damals nicht mitgespielt“. Er erzählt die Geschichte etwas ungläubig, mit einem amüsiertem Unterton, den man in 20 Jahren Nachwendebiographie entwickeln kann und mit Worten, die klingen und wirken und mich den Tag, da ich das Buch ausgelesen hatte, verfluchen ließen 😉

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Christoph Dieckmann stellte sein neues Buch Mich wundert, dass ich fröhlich bin. Eine Deutschlandreise vor.

Christoph Dieckmann stellte sein neues Buch "Mich wundert, dass ich fröhlich bin. Eine Deutschlandreise"" vor.

Sibylle Lewitscharoff bekam den Preis der Leipziger Buchmesse 2009 in der Kategorie Belletristik.

Das Förderprogramm Demokratisch Handeln aus Jena durfte natürlich nicht fehlen!

Einer meiner Lieblingsverlage 🙂

Einmal FaMI, immer FaMI!

Günter Grass in seltsamer Pose

Günter Grass im Gespräch

Endlich Feierabend. Ein interessanter, aber anstrengender Messetag geht zuende.

Endlich Feierabend. Ein interessanter, aber anstrengender Messetag geht zuende.

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Hui, heute mal kein GC-Bericht, dafür ein Buchtipp.

„Arm durch Arbeit. Ein Undercover-Bericht“ von Markus Breitscheidel kann ich jedem ans Herz legen, den das Leben nicht nur tangiert, ob nun peripher oder sonstwie.

Den Versuch einer Buchbesprechung findet ihr HIER !

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Das Topper’s House – kein gewöhnliches Hochhaus in London, sondern auch ein idealer Platz für gescheiterte Existenzen. Natürlich braucht man einen Plan, den hohen Maschendrahtzaun zu überwinden, der Besucher des Daches von dem unfreiwilligen oder geplanten Sturz in die Tiefe abhalten soll. Denn man war garantiert nicht der Erste mit diesem endgültigen Gedanken, den gescheiterte Menschen früher oder später hegen. Dann fehlen lediglich noch ein paar Schritte und der Absprung, es sei denn, das Schicksal will es anders. Das Schicksal hat in Nick Hornbys neuestem Buch „A long way down“ vier Gesichter.

Martin, zynischer Talkmaster, als Ehemann und Vater schon längst gescheitert, erlangte ungewollte Berühmtheit, als er nach einem Verhältnis mit einer Fünfzehnjährigen im Gefängnis landete.
Maureen, die personifizierte Unschuld, leistete sich nur eine Unachtsamkeit und die bescherte ihr gleich ein Kind. Noch bevor sie anfangen konnte, zu leben, war ihr Weg vorbestimmt. Der Vater des Kindes ergriff die Flucht, Maureen bekam einen Job auf Lebenszeit, denn Sohn Matty ist schwerbehindert.
Jess, die durchgeknallte Tochter eines Ministers, geht ihren Mitmenschen mit ihrer dreisten und aggressiven Art auf die Nerven. Als sie auch noch von ihrem Freund verlassen wird, ist der Umgang mit ihr noch schwieriger. Nicht nur die anderen hassen sie, sondern sie sich selbst ebenso. Jess’ einziger menschlicher Zug scheint darin zu bestehen, dass sie ihre verschwundene große Schwester vermisst.
Der Vierte im Bunde ist JJ – Pizzabote, Musiker, Amerikaner. Er kam über den „großen Teich“ und jobbt in London, weil sich seine Band, sein Lebensinhalt, auflöste und ihm seine Freundin obendrein noch den Laufpass gab. Die Grundpfeiler seines Lebens und all seine Träume fielen in sich zusammen.

Vier Menschen also, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch verbindet sie eine entscheidende Sache: sie sind alle willens, die letzten Schritte zu gehen und den Sprung hinunter zu wagen.
Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Es war am Silvesterabend, Wallfahrtstag aller Suizidwilligen. Martin saß schon auf der Kante des Daches vom Topper’s House. Er hatte die ständigen Beschimpfungen und verächtlichen Blicke satt. Auch Maureen, die ihn beinahe versehendlich vom Dach stieß, war kurz davor, ihren vom Leben aufgebürdeten „Job“ zu kündigen.
Jess, die genauso von der Bildfläche verschwinden will, wie ihre Schwester, kam erst gar nicht bis zur Dachkante, weil Martin schnell auf ihren gleichgültigen und verwirrten Geisteszustand reagierte und sie vom Sprung abhielt.
Und JJ, nun, er blieb erst mal nur der Pizzalieferant für diese unfreiwillig versammelte Runde.

Wie zu erwarten springt an diesem Abend niemand. Stattdessen finden die „Topper’s House Four“ einen neuen “Stichtag” – den 14. Februar, Valentinstag. Bis dahin wächst zusammen, was eigentlich gar nicht zusammen passt. Man sucht gemeinsam nach Jess’ Ex-Freund, trifft sich zum Lesekreis und fliegt zusammen in den Urlaub nach Teneriffa. Auch die Medien werden auf die ungewöhnliche Gemeinschaft aufmerksam. Das von Jess versuchte Happy End im Sinne eines Treffens aller Haupt- und Randfiguren bleibt aus. Keiner von ihnen bekommt seine Probleme in den Griff, aber ihre Welt verliert ein wenig an tristem Grau.

Nick Hornby verzichtet auf das Einstreuen von Lebensweisheiten, lässt amüsante Dialoge anstelle tiefsinniger Monologe wirken. Er schickt die Protagonisten auf die Suche nach dem Leben, aber nicht nach dessen Sinn. Dem Leser wird weder Verständnis abgerungen, noch wird er in ethische Diskurse entführt. Hornby lässt die Hauptfiguren miteinander in Beziehungen treten, die nicht in schnulzigen Romanzen oder unzerbrechlichen Freundschaften enden. Er nähert sich diesem sensiblen Thema auf ganz besondere Art und Weise. Er packt es beim Kragen, ohne ihm die Luft zu nehmen. Und auch, weil man den melancholichsten Stimmungen noch ein Lächeln abgewinnen kann, ist „A long way down“ wieder ein richtiger „Hornby“!

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