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Archive for the ‘Geschichtliches zu Neustadt an der Orla’ Category

Als Marie Rosine, Frau des Johann Kahlert aus Börthen bei Neustadt an der Orla, am Mittag des 4. November 1830 nach Hause kam, bot sich ihr ein Bild des Schreckens. Ihre elfjährige Tochter Christiane Wilhelmine lag in einer Lache aus Blut und mit dem Gesicht nach unten leblos auf dem Boden der Wohnstube. Sie hatte schwere Kopfverletzungen und eine tiefe Schnittwunde am Hals.

Am Morgen war ein Fremder in das Haus der Familie Kahlert gekommen, die den Gemeindeschank gepachtet hatte. Das Haus befand sich am Fußweg, der von Neustadt über Börthen nach Roda führte, in Nachbarschaft zum Hausgrundstück Nr. 9 (heute Sandweg 2). Der junge Mann fragte nach Branntwein und kaufte Brot. Als Marie Rosine nach Neustadt zur Arbeit aufbrach, ließ sie ihre Tochter mit dem Fremden allein, denn auch der Vater, Handarbeiter in Neustadt, war schon aus dem Haus. Die Annehmlichkeit der warmen Stube nutzend, bestellte der Fremde noch einige Gläser Bier und Schnaps. Als er dem Mädchen mangelndes Zahlungsvermögen gestand, kam es zum Streit, in dessen Verlauf er auf den Kopf der Kahlertschen Tochter einschlug und ihr den Hals durchschnitt. Daraufhin durchsuchte er die Kammern nach Schnapsvorräten, fand auch einiges Geld und Kleidungsstücke, die er aber blutverschmiert zurückließ.

Dem Mörder fielen bereits zwei Tage zuvor die hochschwangere Maria Rosine Wetzel aus dem Dorf Märien (im Fürstentum Reuß-Greiz) und ihr ungeborenes Kind zum Opfer. Mit Beil, Meißel und Messer hatte er der jungen Frau schwere Verletzungen an Kopf und Hals zugefügt. Das Kind konnte trotz eilig ausgeführten Kaiserschnitts nicht gerettet werden.

Der Täter floh über Roda bis nach Jena. Dort wurde Karl Wilhelm Oertel aus Möschlitz (heute Ortsteil von Schleiz) in einem Gasthof festgenommen. Er gestand die Morde.

Oertels Vater war der Besitzer der Möschlitzer Fallmeisterei und zugleich Scharfrichter. Karl musste seinem Vater schon im Alter von zehn Jahren zur Hand gehen und gemeinsam mit seinem Bruder die Leichname von Selbstmördern wegschaffen. Auch nach dem Tod seines Vaters arbeitete Karl Oertel in diesem anrüchigen Gewerbe. Bereits zweimal wegen Diebstählen und Betrügereien mit Peitschenhieben, Arbeits- oder Zuchthaus bestraft, wurde er im Oktober 1830 vom Schleizer Scharfrichter Mai entlassen. Fortan trieb er sich in der Gegend herum, gab sein Geld für Branntwein aus und wurde wenige Tage später zum dreifachen Mörder.

Nach seiner Festnahme und den anschließenden Verhören wurde Oertel ins Gefängnis auf der Osterburg in Weida gebracht, wo im Jahr darauf Richter Karl Ernst Hickethier das letzte Todesurteil des Criminalgerichtes auf der Osterburg fällte. Obwohl die großherzogliche Regierung angewiesen hatte, den Hinrichtungstag so lange wie möglich geheim zu halten, strömten Menschenmassen zu Fuß, mit Pferd, Karren oder Leiterwagen zum Richtplatz. Mit großem Aufwand musste die Urteilsvollstreckung vorbereitet werden, was nicht geheim bleiben konnte. Die Schützenkompanie leistete Tag und Nacht Wach- und Patroulliendienst, die Feuerwache wurde auf das Doppelte verstärkt. Bäcker und Fleischer sollten die Lebensmittelversorgung gewährleisten. Wirte und Herbergsväter der damals 2500 Einwohner zählenden Stadt mussten auf den Menschenansturm vorbereitet werden. Die Nachricht vom bevorstehenden Ereignis hatte sich wie im Fluge verbreitet.

Am 19. Februar 1833, einem Dienstagmorgen, wurde Karl Wilhelm Oertel auf einer Hochebene nahe Weida aufs Schaffott geführt.
Um 9 Uhr vollstreckte der Scharfrichter Christian Binder aus Eisenberg vor 20 000 Schaulustigen das Urteil mit dem Schwert. Die Hinrichtung des Fallknechts Karl Wilhelm Oertel vor 180 Jahren war die letzte öffentliche Hinrichtung in Weida.

(Dieser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 26.7.2013)

Quellen:

Annalen der deutschen und ausländischen Criminal=Rechtspflege. Dreizehnter Band. Altenburg 1840.

Bankwitz, Alfred Robert: Sensation in Weida vor 100 Jahren. In: Weidaer Geschichtsblätter für Geschichte und Heimatkunde der Stadt Weida und ihrer Umgebung. Nr. 4, Juli 1937.

Neustädter Kreisbote, 06.11.1830.

Neustädter Kreisbote, 13.11.1830.

Neustädter Kreisbote, 23.02.1833.

Neustädter Kreisbote, 25.12.1912.

Thüringer Kriminalchronik hingerichteter Verbrecher. Nach den Akten und von ihren Wärtern erzählt. Arnstadt/Leipzig 2006.

Kirchenarchiv Neustadt an der Orla

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„Er redet ungern über sich selbst; das, was er zu sagen hat, stellt er lieber auf der Bühne dar oder drückt es mit Dichterworten aus […].“, beginnt ein Beitrag zum 40-jährigen Bühnenjubiläum von Gerhard Rachold im „Neuen Tag“ vom 6. September 1989.

Einige Neustädter werden ihn noch kennen, ist er doch hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und kam auch nach seinem Wegzug immer wieder gern in seine Heimatstadt zurück. In den Erinnerungen seiner Neustädter Bekannten ist Gerhard Rachold der KARO-rauchende Schauspieler, der meist Bösewichte und Draufgänger spielte, gemeinsam mit Rolf Herricht und Gojko Mitic vor der Kamera stand und nach dem einen oder anderen Glas Whisky gern „Faust“ rezitierte.

Das Wissen um Racholds privaten und beruflichen Werdegang hält sich allerdings in Grenzen. Da sich sein Todestag nun zum 20. Mal jährt, soll an dieser Stelle sein Lebensweg etwas genauer betrachtet werden.
Gerhard Rachold wurde am 3. September 1928 als Sohn des Schuhmachermeisters Gustav Hermann und seiner Frau Erna Marie, geb. Ebert, in Ranis geboren. Die Familie Rachold war schon Ende des 18. Jh. in Neustadt ansässig. 1876 erwarb der Schuhmachermeister Karl Gustav Rachold, der vorher in der Sackgasse wohnte, das Haus Carl-Alexander-Straße Nr. 13, heute Ernst-Thälmann-Straße 47. 1906 übernahm der mit dem Prädikat „Hofschuhmacher“ geehrte Friedrich Hermann, der Großvater Gerhard Racholds, das Gebäude. Es blieb bis 1983 in Familienbesitz, ehe es ins „Eigentum des Volkes“ überging und 1992 an Gerhard Rachold rückübertragen wurde.
Hier in der Ernst-Thälmann-Straße, in der drei Generationen der Familie dem Schuhmacherhandwerk nachgingen, verbrachte Gerhard Rachold also seine Kindheit und Jugend. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er noch als Flakhelfer eingezogen und arbeitete nach seiner Rückkehr in der Ziegelei sowie in der Landwirtschaft. Sehr fasziniert hat ihn der Zirkus. Er soll sogar als Seiltänzer aufgetreten sein.

1947 legte Gerhard Rachold sein Abitur in Neustadt ab. Schauspielerische Ambitionen zeigte er schon als Jugendlicher. An Vortragsabenden, an denen Schülerinnen und Schüler Szenen aus Goethes gleichnamiger Tragödie vortrugen, mimte er den Faust. Der Grundstein für eine schauspielerische Karriere schien damit gelegt. Im Oktober 1947 zog Rachold nach Weimar. Dort absolvierte er eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik, am Studio des Deutschen Nationaltheaters. 1949 kam er mit dem Ensemble des Deutschen Nationaltheaters nach Neustadt. Im Programm der Puschkin-Feier, die am 27. Juli im Volkshaus abgehalten wurde, sprach Rachold verschiedene Werke des russischen Nationaldichters.

Noch vor Gründung der DDR schloss er seine Ausbildung ab und wechselte 1949 an ein privates Theater im sächsischen Stollberg. Diese Zeit wird als abenteuerlich beschrieben, denn die Schauspieler hatten Kostüme und Bühnenausstattung teilweise selbst anzufertigen. Von 1950 bis 1955 spielte Rachold an den Theatern in Staßfurt, Crimmitschau und an den Städtischen Bühnen Erfurt, u.a. den Major Ferdinand von Walter in Friedrich Schillers„Kabale und Liebe“, ebenso wie den Bürgersohn Brackenburg in  Goethes „Egmont“.
Nachdem Rachold sein Engagement am Erfurter Theater 1955 auf eigenen Wunsch beendet hatte, wirkte er bis 1960 am Theater der Freundschaft in Berlin, wo er auch erste Erfahrungen mit  Kinder- und Jugendtheater sammeln konnte.

Der Name Gerhard Rachold wird heute oftmals mit den zahlreichen DEFA-Filmen verbunden, in denen er mitspielte. Sein Filmdebüt gab er 1956 im Spielfilm „Zwischenfall in Benderath“ des ungarisch-deutschen Regisseurs János Veiczi. In dem Streifen, der Antisemistismus an einer westdeutschen Schule im Nachkriegsdeutschland thematisiert, spielt Rachold den Primaner Rudolf Hacker. Zu den bekanntesten Filmen, die in den folgenden Jahrzehnten unter der Mitwirkung des einstigen Neustädters entstanden, gehören „Berlin – Ecke Schönhauser“ (er spielt einen Schläger), „Die schwarze Galeere“ (als Leone della Rota), „Der Reserveheld“ (als Ausbilder Hauptmann Hottas), „Die Söhne der großen Bärin“ (als Leutnant Roach) und „Ein Schneemann in Afrika“ (als Bootsmann). Zu hören ist Rachold bei Hörspielsendungen im Rundfunk oder mit Gesangstiteln in der „Spitzenparade“ und in der Satiresendung „Die aktuelle Ätherwelle“.

Freunden gegenüber äußerte er immer wieder den Wunsch, dass er gern mehr klassische Rollen und nicht immer nur den Bösewicht spielen wolle. Auch weil er den direkten Kontakt zum Publikum suchte, zog es ihn immer wieder zum Theater. So wundert es nicht, dass er Gastspiele an verschiedenen Bühnen gab, beispielsweise in Schwerin (Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“) oder an der Volksbühne Berlin (Tolstois „Krieg und Frieden).

Ab 1967 arbeitete Rachold am Kleist-Theater in Frankfurt (Oder), wo u.a. „Nathan der Weise“, „Othello“  und „Lorbaß“ auf dem Programm standen. Nach drei Jahren kehrte er Frankfurt (Oder) den Rücken, ehe er 1977 dorthin zurückkehrte, das Unterwegssein beendete und blieb. Es folgten erfolgreiche Jahre an der Frankfurter Bühne mit unzähligen Auftritten. In Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ spielte er gemeinsam mit Gitta Schweighöfer, der Mutter des heute allseits bekannten Schauspielers und Regisseurs Matthias Schweighöfer. Seine literarischen Interpretationen waren sehr beliebt und die Wilhelm-Busch-Abende ausverkauft.

1989 beging Gerhard Rachold sein 40jähriges Bühnenjubiläum. Er galt als einer der besten Schauspieler des Kleist-Hauses in Frankfurt (Oder), wie es bereits vier Jahre später in den Nachrufen stehen wird. Nach dem Tod seiner Frau Sabine zeigte er erste Anzeichen einer Depression. Am 18. Mai 1993 beendete Gerhard Rachold sein Leben, indem er sich aus dem neunten Stock eines Hochhauses stürzte.

„Seid mir nur nicht gar zu traurig, / Daß die schöne Zeit entflieht, /Daß die Welle kühl und schaurig / Uns in ihre Wirbel zieht;[…] Laßt uns lieben, singen, trinken, /Und wir pfeifen auf die Zeit;  /Selbst ein leises Augenwinken /Zuckt durch alle Ewigkeit.“ (Wilhelm Busch: Kritik des Herzens)

 

(Dieser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 17.5.2013)

 

Quellen:

Auskunft Altmann, Uwe  (Theater Crimmitschau, März 2013).

Auskunft Herzberg, P. (Theater Erfurt, März 2013).

Eberhardt, Karin: So wurde er vor 40 Jahren Schauspieler. In: Frankfurt-Information, Oktober 1989.

Märkische Oderzeitung, 21.05.1993.

Der Morgen, 30.08.1989.

Neuer Tag, 06.09.1989.

Neustädter Kreisbote, 30.07.1898.

Stadtarchiv Neustadt, Akte 8108.

Stadtarchiv Neustadt, Bestand Einwohnermeldeamt Nr. 13.

Stadtverwaltung Neustadt, Grundsteuerakte Ernst-Thälmann-Straße 47.

Unsere Heimat. Unterhaltungsbeilage zum Neustädter Kreisboten. 27.01.1934.

Unsere Heimat. Unterhaltungsbeilage zum Neustädter Kreisboten. 29.01.1938.

Wachter, Volker: Gerhard Rachold. http://www.parkaue.de/index.php?topic=22&personId=1304 (18.03.2013).

http://www.filmportal.de (25.04.2013).

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Thilo Schoder gilt als erfolgreichster Thüringer Architekt des Neuen Bauens. Diese Stilrichtung der Architektur, die sich nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte, ist gekennzeichnet von einer zweckmäßigen und rationalen Bauweise. Mit neuen Materialien wie Glas, Stahl, Beton und Backstein ließen sich einfache Formen realisieren. Dekorative Elemente traten in den Hintergrund.

Zwischen 1919 und 1932 hat Thilo Schoder nicht nur, aber vorwiegend auf thüringisch-sächsischem Gebiet, Bedeutendes geleistet. Die meisten seiner Bauten erlangten bis 1997 Denkmalstatus. Und doch geriet Schoder in Vergessenheit. Seine Emigration nach Norwegen 1932, die einschneidende Zeit des Nationalsozialismus und auch die deutsche Teilung mögen dazu beigetragen haben. Eine Ausstellung im Herbst 1997 in der Geraer Kunstsammlung hat dem Architekten 18 Jahre nach seinem Tod wieder Öffentlichkeit verschafft und damit den Weg geebnet, dass sein Werk Anerkennung findet.

Karl Wilhelm Thilo Schoder wurde am 12. Februar 1888 in Weimar geboren. Das jüngste Kind des Gastwirts Bernhard Christian Theodor Schoder und seiner Frau Therese Amalie wuchs mit vier Geschwistern auf und besuchte die Volksschule und das Gymnasium in seiner Geburtsstadt. Seine 14 Jahre ältere Schwester Marie war, entdeckt von Gustav Mahler, eine gefeierte Sängerin an der Wiener Hofoper und eine der bedeutendsten Sopranistinnen ihrer Zeit. Auch ihr Bruder Thilo war musisch begabt, nahm Klavier- und Gitarrenunterricht, schrieb kleine Kompositionen, Gedichte und Erzählungen und wollte zunächst Opernsänger werden.

Sein Interesse für kunstgewerbliches Zeichnen ließ ihn dann aber einen anderen beruflichen Weg einschlagen. 1906/07 war Schoder Privatschüler des belgisch-flämischen Designers, Architekten, Malers und Vordenkers des Bauhauses Henry van de Velde. Als dieser in Weimar das Kunstgewerbliche Institut gründete (ab 1908 Großherzoglich-Sächsische Kunstgewerbeschule), begann Schoder dort die Ausbildung zum Innenarchitekten, ab Ostern 1910 als Meisterschüler van de Veldes. Nach einem Studienaufenthalt in Wien arbeitete Thilo Schoder einige Jahre in dessen Atelier, ehe er, nach van de Veldes Übersiedlung in die Schweiz 1917, einen Arbeitsvertrag mit Alfred Golde erhielt, dem Geschäftsführer eines Geraer Autokarosserieunternehmens. Schoders Karosserie-Entwürfe als Chefdesigner sorgten für große Aufmerksamkeit.

Anfangs wegen einer Herzschwäche als untauglich eingestuft, wurde Schoder 1917 doch noch zum Kriegseinsatz einberufen. Nachdem sich der Kanonier und Zeichner von der Westfront zurückgemeldet hatte, ließ er sich 1919 in Gera nieder. Dort gelang ihm mit dem Industriebau Golde der Durchbruch als Architekt. Sein „Atelier für Architektur, Innendekoration und Kunstgewerbe“ befand sich ab 1920 im sogenannten Fürstlichen Kavalierhaus in Gera-Untermhaus, wo er auch wohnte. Seiner Heirat mit der jüdischen Schauspielerin Margarete Lichnovsky, die er am Geraer Theater kennengelernthatte, folgte die Geburt des Sohnes Rolf. In den anschließenden schaffensreichen Jahren hinterließ Thilo Schoder in Sachsen und Thüringen vielerorts Spuren, vor allem in Gera. Das er auch für Auftraggeber aus Neustadt an der Orla vier Gebäude plante, von denen zwei ausgeführt wurden, ist nur Wenigen bekannt.

Obwohl Schoder während seiner gesamten Schaffenszeit immer wieder Aufträge für sozialen Wohnungsbau bekam (von ihm projektierte Wohnsiedlungen entstanden beispielsweise in Hermsdorf, Gera, Saalfeld, Meuselwitz und Kristiansand/Norwegen), galt er als „auserwählter Baumeister der ‚oberen Zehntausend‘ “[1] Zu denen zählte wohl auch die Neustädter Fabrikantenfamilie Seelemann. Aus dem Jahr 1923 ist das Projekt ‚Landhaus Seelemann‘ Thilo Schoders überliefert.[2] Der Auftraggeber des Baus, der nicht ausgeführt wurde, könnte der Großherzoglich Sächsische Kommerzienrat Franklin Seelemann gewesen sein, denn er stand in dieser Zeit in Verbindung Thilo Schoder. Gemeinsam mit seinem Bruder Alfred führte Franklin Seelemann die Kratzen- und Maschinenfabrik G. Anton Seelemann & Söhne in der Mühlstraße.

Als das Firmengelände 1922 um eine neue Maschinenhalle erweitert werden sollte, übertrugen die Fabrikbesitzer die Bauleitung an Thilo Schoder.[3] Nach erfolgter Baugenehmigung im Oktober des Jahres konnte drei Monate später der Rohbau abgenommen werden. Im Februar 1923 fand die Schlussrevision statt. Entstanden war ein durch eiserne Stützen und Binder sowie Oberlicht konstruierter Arbeitssaal mit daran anschließenden kleineren Räumen für Schmiede, Härterei, Werkbänke, Modelle, Lager für fertige Teile, Rohgusslager und Motorraum. Im vorderen, der Straße zugelegenen Teil befanden sich die Büros des Betriebsleiters und des Werkmeisters. Wegen des Geländegefälles war der Keller im Ausgang des Gebäudes (mit dem Eingang für die Arbeiter) ebenerdig. Darin befanden sich Heizungskeller, Kohlenraum, Wasch- und Ankleideraum für 16 Arbeiter und ein Frühstücksraum. Nach dem Zweiten Weltkrieg, der Demontage und späteren Enteignung des Seelemann’schen Betriebes wurde das Gebäude vom VEB Regulus, später vom VEB Drahtwebstuhlbau genutzt. 1996 konnte eine umfangreiche Generalsanierung abgeschlossen und trotz des neuen Zeitgeistes das Erbe Thilo Schoders erhalten werden. Das zuständige Architekturbüro erstellte auch ein Farbempfehlungskonzept nach Schoder, das in die Gestaltung einfloss. In den folgenden Jahren wurden die Räumlichkeiten vom Schützenverein, der Volkshochschule und bis heute als Fitnessstudio genutzt.

Eine andere Spur Thilo Schoders ist mittlerweile aus dem Stadtbild verschwunden. Franz Fritzsche plante 1922 die Erweiterung seiner Tuchfabrik am Standort Triptiser Straße 7. Hinter den schon bestehenden Gebäuden sollte eine Spinnereihalle errichtet werden. Auch für dieses Projekt verpflichtete man Thilo Schoder.[4] In der dreischiffigen Halle mit Satteldächern wurden elektrisch betriebene Krempeln und Selfaktoren untergebracht. An der Süd-West-Ecke schloss sich ein kleiner Wolfraum an. Drei große Oberlichter, die auf den Firstpunkten der Giebeldächer eingebaut waren und ringsumherlaufende, 2,40 m hochliegende Fenster sollten für genügend Licht sorgen.
Das alte Gebäude, in dem sich sowohl Kontorräume als auch die Spinnerei befanden, konnte nun rein für Bürozwecke umgebaut werden. Die Maßnahme wurde im Juni 1923 begonnen und ebenfalls von Schoder konzipiert. Durch den Haupteingang an der Giebelseite betrat man eine kleine Vorhalle mit Glastüren und Oberlichtern. Von hier aus gelangte man zu den Büros, Lager- und Abstellräumen. Der Fußboden wurde aus Kiefernholz gefertigt und die sanitären Anlagen mit nunmehr drei Wasserspülklosetts vergrößert. In der ersten Etage wohnte der Hausmeister.
Die Gebäude gehörten später zum VEB Neustädter Tuchfabrik, ab 1972 zum VEB Volltuchwerke Crimmitschau, Werk III. Weil ihre technische Lebensdauer bereits weit überschritten und eine nachträgliche Stabilisierung nicht vertretbar war, wurden die Fabrikgebäude 1998 abgerissen.

Mit den Industriebauten für die Kratzen- und Maschinenfabrik Seelemann und der Tuchfabrik Franz Fritzsche endete Thilo Schoders Wirken in Neustadt. Ein weiteres Projekt im Jahr 1924, ein Wohnhaus für A. Mehlhorn, kam nicht zur Ausführung.[5]

Wer durch Schoders Werksverzeichnis und Ausstellungskataloge blättert, erkennt dessen Vielseitigkeit. Ob Industriegebäude, Wohnsiedlungen, Villen, Landhäuser, Möbelstücke, Schmuck oder Bucheinbände – seine klare, spannungsreiche Formensprache findet überall Ausdruck. Bis Mitte der 1920er Jahre hat sich Schoder als Architekt etabliert, beschäftigte zeitweise bis zu 15 Mitarbeiter. Auch auf kulturellem Gebiet engagierte er sich. 1924 trat er dem „Weimarer Kulturrat“ bei, einer Vereinigung von Künstlern und Intellektuellen, der auch Walter Gropius und Lyonel Feininger angehörten.

1928, zwei Jahre nach der Trennung von seiner Frau Margarete, heiratete er die norwegische Sopranistin Bergljot Brandsberg-Dahl. Schoder geriet zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Nachdem er schon zuvor seine Mitarbeiter entlassen musste, schloss er 1932 schließlich sein Architekturbüro in Gera. Die Weihnachtsferien verbrachte die Familie in Norwegen, kehrte aber nicht nach Deutschland zurück und siedelte nach Flekkefjord (Südnorwegen) über. Als Thilo Schoder 1936 die Arbeitserlaubnis für Norwegen erhielt, gründete er in Kristiansand ein eigenes Architekturbüro. Er nahm wieder Kontakt zu Henry van de Velde auf und führte auch zahlreiche Briefwechsel, u.a. mit Elisabeth Förster-Nietzsche, Schwester und Nachlassverwalterin des Philosophen Friedrich Nietzsche, und dem Maler Edvard Munch, mit dem er auch freundschaftliche Bande geknüpft hatte.

Aus der Wirtschaftsflucht der Familie wurde immer deutlicher auch eine politische Emigration. 1930 lehnte Thilo Schoder die Mitgliedschaft in der NSDAP ab, 1939 erhielt er nach einer Denunziation des deutschen Wahlkonsuls in Kristiansand Aufenthaltsverbot für Gera. Ein Jahr später wurde Schoder von der Gestapo für mehrere Wochen inhaftiert und willigte schließlich zu einigen Arbeiten für die Besatzungsmacht ein. Musste er sich nach 1945 in seiner neuen Heimat dem massiven Vorwurf des Landesverrats stellen, konnte er nach erfolgreicher politischer Rehabilitation als Architekt in Südnorwegen erfolgreich weiterarbeiten. Nach einem leichten Schlaganfall 1957 zog sich Schoder allmählich ins Privatleben zurück. Am 8. Juli 1979 starb er in Kristiansand.

Thilo Schoders Architektur hat das Stadtbild Neustadts weder geprägt noch verändert. Und doch sollte man sich, 125 Jahre nach seiner Geburt, in ehrendem Gedenken an ihn erinnern. Schoder gab zwei Industriegebäuden, in denen viele Neustädter in Lohn und Brot standen, ein Erscheinungsbild, dessen architektonische Bedeutung leider viel zu lange ungewürdigt blieb.

 (Der Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 22.2.2013)

 

Quellen:

 

Akte 12 589, Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Archiv der Akademie der Künste Berlin, Thilo-Schoder-Archiv

Bauakte Mühlstraße 16 (B 72), Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Bauakte Triptiser Straße 7 (B 108), Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Pfannenschmidt, Helmut; Trinkl, Hans-Jürgen: Chronologische Aufzeichnungen zur Entwicklung der Stadt Neustadt an der Orla seit 1945, um 1979, 2004, Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Lorenz, Ulrike: Thilo Schoder. Ein Architekt im Spannungsfeld der Moderne. Leben und Werk in Deutschland (1888-1936). Jena 2001

Mailbeck, Robert: Die verspätete Industrie. Wirtschaft und kommunale Entwicklung in Neustadt an der Orla im 19. Jahrhundert. Weimar & Jena 2006

Ostthüringer Zeitung, Lokalteil Pößneck, 04.11.1996

Ostthüringer Zeitung, Lokalteil Pößneck, 08.03.2003

http://www.architekt.de/Architekturstil/neues_bauen.php [Seitenaufruf 02.01.2013]

http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44921 [Seitenaufruf 02.01.2013]


[1] Lorenz, S. 120

[2] WV 35, Vgl. Lorenz, S. 360

[3] WV 29, Vgl. Lorenz, S. 348 f.

[4] WV 28, Vgl. Lorenz, S. 348

[5] WV 38, Vgl. Lorenz, S. 361

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„Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen. […] Nach meiner Kenntnis ist das sofort. Unverzüglich.“ Die Pressekonferenz am 9. November 1989 mit Günter Schabowski, dem damaligen Sekretär des Zentralkomitees der SED für Informationswesen, ist legendär. Überall im Land überschlugen sich die Emotionen. Die Mauer als „antifaschistischer Schutzwall“ schien dem Druck des Volkes nicht mehr standhalten zu können.

Auch in Neustadt an der Orla verbreitete sich die Öffnung der Grenze wie ein Lauffeuer. Noch konnte niemand absehen, welche Auswirkungen die Ereignisse haben würden, die wenig später als friedliche Revolution in die Geschichtsbücher eingehen. Die Zeit war geprägt von Ängsten, aber vor allem auch von Hoffnungen. Mit 19 Friedensgebeten und 15 Demonstrationen entwickelte sich Neustadt zu einem Zentrum des Bürgerprotestes.[1] Eine Schlüsselrolle nahm dabei Pfarrer Peter Tanz ein. Was viele andere dachten, wagte er auszusprechen. Als Vermittler zwischen den noch herrschenden Strukturen und der erstarkenden Opposition schaffte er eine konstruktive Atmosphäre. In einem Friedensgebet sagte er: „Herr, gib den Verantwortlichen in Staat und  Gesellschaft, in den Parteien und Massenorganisationen, die Kraft und den Mut, Fehler und Schuld einzugestehen. Uns aber bewahre davor zu triumphieren.“[2]
600 Menschen fanden am 26. Oktober 1989 den Weg in die Stadtkirche St. Johannis, in der nach dem Friedensgebet die erste öffentliche Demonstration gegen Stalinismus und Staatssicherheit folgte.[3] Beobachtet von der Polizei und der Staatssicherheit wurde dieser Schweigemarsch zum Symbol des Stolzes und der Entschlossenheit.

Neustadt hatte am 31.12.1988 10200 Einwohner. Viele Neustädter verließen in der Folgezeit ihre Heimatstadt. Erst nach 1991, die Einwohnerzahl betrug im Dezember nur noch 9577, ebbte die Abwanderungswelle allmählich ab.[4]
Die Staatssicherheit war aber immer noch allgegenwärtig und analysierte die Lage in diesen für sie politisch schwierigen Zeiten. Längst hatte sie an Bedeutung verloren und versuchte mit aller Macht, die letzte DDR Kommunalwahl  am 7. Mai 1989 zu beeinflussen. Wahlbeobachtern zufolge wurde das bekanntgegebene Ergebnis manipuliert und verdeutlichte einmal mehr die Bevormundung der Bürgerschaft. Die letzten unter diesen Vorzeichen gewählten Volksvertreter nahmen ihre Arbeit auf.

Der demokratische Wandel hinterließ auch in Neustadt seine Spuren. In der fünften Stadtverordnetenversammlung sagte der Bürgermeister Günter Ulitzsch in seinem Rechenschaftsbericht: „Eine Stadtverordnetenversammlung in dieser Phase der Erneuerung und des Umbruchs durchzuführen, birgt die Gefahr in sich, auch viel Falsches zu formulieren bzw. sich auf bestimmte Dinge festzulegen, die durch die gesellschaftliche Entwicklung ganz einfach überholt werden. […] Mit tiefer Erschütterung müssen wir feststellen, dass vieles, an das wir geglaubt haben, wonach wir arbeiteten durch Ignoranz und Schönfärberei, durch Überheblichkeit bis zur Straffälligkeit in höchster Potenz nicht den tatsächlichen Interessen unserer Menschen und der tatsächlichen Lage entspricht.“[5] In dieser Tagung appellierte Günter Ulitzsch an die Stadtverordnetenversammlung, mit dem Neuen Forum zusammenzuarbeiten.

Bereits am 18. Dezember 1989 wurde im Rathaus auf Initiative des „Neuen Forum“ ein „Runder Tisch“ eingesetzt, der den Machtwechsel in der städtischen Verwaltung vorbereiten und begleiten sollte. In diesem Gremium gab Bürgermeister Ulitzsch am 5. Februar 1990 seinen Rücktritt zum Ende des Monats bekannt. Er empfiehlt den Vertretern des Runden Tisches eine Neuwahl des Rates, der sich aus den neuen demokratischen Kräften zusammensetzen sollte.[6] Damit übernahm der „Runde Tisch“ die Verantwortung für die Übergangsphase bis zum frei gewählten Parlament in Neustadt. Die Handlungsfähigkeit der Stadt musste gesichert und die Wahl vorbereitet werden.

Am 6. Mai 1990 fanden die ersten freien demokratischen Kommunalwahlen statt. Die nunmehr 33 statt der bisher 65 gewählten Volksvertreter übernahmen die große Verantwortung, ausgerüstet mit neuen Entscheidungsbefugnissen die Stadt durch den politischen Umbruch zu führen. In ihrer 1. Sitzung am 30. Mai 1990 wählte die Stadtverordnetenversammlung aus ihrer Mitte Klaus Mailbeck zum Bürgermeister und Dr. Hans Jetter zu seinem Stellvertreter. In der Legislaturperiode des ersten frei gewählten Bürgermeisters seit 40 Jahren beginnt eine entscheidende Umstrukturierung der Verwaltung. Mit der Ausgliederung der Kindereinrichtungen, des Gesundheitswesens sowie des technischen Personals der Schulen verringerte sich die Zahl der Mitarbeiter von 362 im Jahr 1990 auf 49 im Jahr 2010.[7] Die städtischen Mitarbeiter des Bauhofes wurden der 1991 gegründeten Stadtwerke Neustadt (Orla) GmbH angegliedert.

Mit dem 1994 geänderten Wahlgesetz wurde der Bürgermeister nun für sechs Jahre und direkt von allen Wahlberechtigten der Stadt gewählt. Seit dieser Zeit nimmt Arthur Hoffmann in seiner nunmehr vierten Amtsperiode den Platz als Bürgermeister ein. Die Wahrnehmung des neu gewonnenen demokratischen Wahlrechts, ohne die Befürchtung der staatlichen Einmischung, war eine der wichtigsten Veränderungen der neuen Gesellschaftsform. Trotzdem ist erkennbar, dass immer weniger Menschen von diesem Instrument der Demokratie Gebrauch machten. Traten zur Kommunalwahl 1990 noch 74,6 % der wahlberechtigten Bevölkerung an die Wahlurnen, nahmen 1999 nur noch rund 65% und zu allen folgenden Kommunalwahlen nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung ihr Wahlrecht wahr.

Ein großer Schritt auf dem Weg zum wiedervereinten Deutschland war der Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Am 18. Mai 1990 unterzeichneten in Bonn die Finanzminister der BRD und der DDR, Theo Waigel und Walter Romberg, den Staatsvertrag, der am 1. Juli in Kraft trat und den Wechsel zur Sozialen Marktwirtschaft besiegelte. Damit übernahm die DDR das währungs-, wirtschafts- und sozialpolitische System der Bundesrepublik. Die Mark der DDR wurde durch die D-Mark ersetzt. An besagtem 1. Juli, einem Sonntag, waren Rathaus, Sparkasse, Post und die Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG) im Weltwitzer Weg von 8 bis 20 Uhr für den Geldumtausch geöffnet.[8] Die lokale Presse vermutete, dass das „Gesellschaftsspiel Schlangestehen“ nun wohl ausgestanden sei. Viele Menschen hätten nach dem Erhalt der begehrten Scheine an den Auszahlstellen einen Stadtbummel unternommen. „Die ersten Märker sind freilich am Sonntag verflüssigt worden. Im Biergarten am Kreiskulturhaus beispielsweise, auf dem Marktplatz in Neustadt, wo der Rost brannte, oder auf dem Volksfest der Orlastadt.“[9]

Wenige Monate später, am 3. Oktober, wurde ein viel größeres Fest in Neustadt, Deutschland und über die neuen deutschen Grenzen hinaus gefeiert. Der „Eiserne Vorhang“, der seit dem Zweiten Weltkrieg die Welt politisch in Ost und West teilte, wurde mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes offiziell geöffnet.

„Gewerbe ansiedeln, um Arbeitsplätze zu schaffen und langfristig Steuereinnahmen für die Stadt zu sichern – das war das Wichtigste.“[10], erinnerte sich der ehemalige Bürgermeister Klaus Mailbeck an den kommunalpolitischen Fahrplan nach der Wiedervereinigung. Doch die Umstellung der Wirtschaft und der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft war mit großen Problemen verbunden. Bis Mitte der 1990er Jahre mussten dramatische Strukturumbrüche vollzogen werden. Die „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“ hatte die Aufgabe, landesweit etwa 8000 volkseigene Betriebe mit mehr als vier Millionen Beschäftigten zu sanieren und zu privatisieren.[11] Doch viele Betriebe konnten dem Wettbewerb im neuen System nicht standhalten. Ihr Aufbau war betriebswirtschaftlich uneffektiv, Maschinen veraltet und die Nachfrage nach den Produkten, die mit der Einführung der D-Mark für den osteuropäischen Markt zu teuer waren, sank rapide.[12]

Das bekamen auch viele Neustädter Betriebe zu spüren. Der VEB Textima musste 1996 (mittlerweile als Hollingsworth GmbH) schließen. Der VEB Metallweberei ging kurz nach der Privatisierung 1990 mit 200 Beschäftigten in Konkurs. Der VEB Orla-Kleidung stellte Anfang 1991 seinen Betrieb ein, die Orlaguß GmbH folgte 1992. In anderen Betrieben sollte ein Personalabbau den Konkurs aufhalten. Von einst 650 Beschäftigten der Wotufa waren im Juli 1991 noch 50 übrig. Draweba, 1993 privatisiert, existierte nur noch bis Ende 1994 mit zuletzt 85 Beschäftigten. Das für viele Veranstaltungen genutzte „Glashaus“ fiel dem ebenfalls zum Opfer.

Trotz des Strukturwandels, der eine bis dahin unbekannte Arbeitslosigkeit mit sich brachte, wurden auch Erfolgsgeschichten geschrieben. Es gelang, einige traditionelle Industrie- und Gewerbestandorte zu erhalten und neues Gewerbe anzusiedeln. Waren 1990 nur 152 Gewerbe registriert, konnten 2007 bereits 727 Gewerbeeinrichtungen erfasst werden.[13] Die Entstehung des Gewerbegebietes am östlichen Stadtrand war eine wichtige Grundlage, Unternehmen nach Neustadt zu locken. 1992 begann die Erschließung der Fläche, die mit der Nähe zum Güterbahnhof und mit direktem Anschluss an die B 281 verkehrsgünstig gelegen war. Im Mai 1993 nahm die Spezialbaufirma Otto Alte-Teigeler als erste Firma im Gewerbegebiet ihre Arbeit auf. Im Laufe der nächsten Jahre siedelten sich mehr als 20 Betriebe an, die den Wirtschaftsstandort Neustadt sicherten und über 1300 Arbeitsplätze schufen. 2002/2003 waren 2867 Personen in Neustadt beschäftigt, davon 1392 in Industriebetrieben. Die Arbeitslosigkeit war nach wie vor ein großes Problem. 1996 waren 768 Neustädter arbeitslos gemeldet, vier Jahre später 834.[14] Zu den 1288 Arbeitslosen im Jahr 2007 kamen noch fast 1400 Leistungsempfänger nach dem SGB II.[15]

Neben der Verlagerung der Industrie an den Stadtrand war auch der Bau der Umgehungsstraße eine wichtige Voraussetzung für die weitere Stadtentwicklung. Mit kurzfristigen Lösungen, die den Durchgangsverkehr besser organisieren sollten, gaben sich die Neustädter Bürger nicht zufrieden. Demonstrativ wurde die Bundesstraße blockiert, um ihrer Forderung nach einer Ortsumgehung Druck und Öffentlichkeit zu verleihen. Zur gleichen Zeit sprach Bürgermeister Mailbeck im Verkehrsministerium in Bonn vor. Die Aktionen hatten Erfolg, Anfang 1992 erhielt die Stadt für das Projekt Ortsumgehung grünes Licht.[16] Der offizielle erste Spatenstich erfolgte am 7. Dezember 1996 durch Franz Schuster, den Thüringer Wirtschaftsminister. Vier Jahre später konnte die neue Trasse der B 281 für den Verkehr freigegeben werden.

Mit der Verlagerung der Bundesstraße an Neustadts Peripherie war auch der Grundstein für den Erhalt und die Sanierung der Altstadt gelegt. Dazu beschloss die Stadtverordnetenversammlung 1990 vorbereitende Untersuchungen zur Stadtsanierung, die 1992 und 1994 konkretisiert wurden.  Die jahrzehntelange Vernachlässigung der Bausubstanz forderte nun ihren Tribut. Herausgearbeitete Rahmenbedingungen zur Stadterhaltung und Stadtentwicklung sicherten die kontinuierliche Abarbeitung der festgelegten Sanierungsschwerpunkte. Der mittelalterliche Stadtkern wurde hierfür in Quartiere eingeteilt.

Umfangreiche Sanierungsarbeiten erfuhr das Rathaus, das zu Recht als schönstes spätgotisches Rathaus Ostthüringens bezeichnet wird. Putzarbeiten, die Sicherung des Daches und weitere substanzerhaltende Arbeiten wurden auch am vormals vom Abriss bedrohten sogenannten Lutherhaus vorgenommen. Im Januar 2011 entschied der Stadtrat über die Nutzung des Lutherhauses als städtisches Museum und damit über den Erhalt des 1574 erbauten Gebäudes als begehbares Schaudenkmal. Auch die Sparkasse erhielt ein neues Gesicht. 1994 wurde das Geldinstitut wiedereröffnet und 2012 mit einer neuen Fassade versehen.

Kaum ein anderes Projekt erregte die Gemüter der Stadt so sehr wie der Marktstock. Der marode Gebäudekomplex wurde 1996 abgerissen, der Wiederaufbau bzw. die Gestaltung des Neubaus aber teilweise sehr kritisch bewertet. Der Bismarckturm, zwischenzeitlich aus ideologischen Gründen nach Adolph Elle benannt, konnte am 3. Oktober, am ersten Jahrestag der Wiedervereinigung, nach 30 Jahren Zweckentfremdung wiedereröffnet werden. Die in neuem Glanz erstrahlende Innenstadt lässt sich vom zentrumsnahen Parkdeck aus, das 1995 eröffnet wurde, gut erreichen.

Auch außerhalb der einstigen Stadtmauern wurde saniert und neu gebaut. 1996 erfolgte die Übergabe der Vereinshäuser am Parkdeck. Im darauffolgenden Jahr konnte die Sport- und Festhalle in der Friedhofstraße übergeben und 2003 der Ersatzneubau der Schwarzen Brücke fertiggestellt werden. Mit der 2007 abgeschlossenen Neugestaltung des Kirchplatzes entstand hinter der Stadtkirche eine schön gestaltete Ruhezone mit Parkplätzen, die seitdem auch für Festlichkeiten genutzt wird. Viele Straßen im gesamten Stadtgebiet wurden grundhaft erneuert. Die Hugo-Hartung-Straße entlastet seit 1994 als Verbindungsstraße zwischen Mühlgraben/Goethestraße und Karl-Liebknecht-Straße den innerstädtischen Verkehr.

Der Ausbau und die Verbesserung der Wohnsituation ist seit jeher ein wichtiges Augenmerk der Stadtentwicklung. Mit der Erschließung des Wohngebietes „Auf dem oberen Griese“ 1995 konnten wichtige Flächen zur Ansiedlung von Eigenheimen angeboten werden, ebenso in den Baugebieten „Am Hain-Molbitz“, in der Hugo-Hartung-Straße und am Kalkofen. In Neustadt-Süd dagegen trug der Abriss von Blöcken in der Thomas-Müntzer Straße und in der Florian-Geyer Straße der Abwanderung aus dem Stadtteil Rechnung, in dem 2007 nur noch rund 1500 Neustädter wohnten, etwa 1000 weniger als 12 Jahre zuvor.[17]

Neustadt an der Orla wurde 1994 dem durch Zusammenlegung der Kreise Lobenstein, Pößneck und Schleiz neu gebilden Saale-Orla-Kreis angegliedert. Ebenfalls 1994 wurden Neunhofen und Lichtenau eingemeindet, 2010 Breitenhain-Strößwitz.
Mit dem politischen und wirtschaftlichen Beitritt der DDR zur BRD stand auch das Erziehungs- und Bildungssystem auf dem Prüfstand. Von den einst drei Kinderkrippen, fünf Kindergärten und einer Kombinierten Kindereinrichtung waren 2002 nur noch drei Kindertagesstätten in Betrieb (inklusive dem Kindergarten „Märchenland“ in Neunhofen). In dieser Zeit waren 282 der 285 Tagesplätze belegt.[18] Auch heute sind die vier Kindertagesstätten mit ca. 390 Plätzen ausgelastet (hinzugekommen war der Kindergarten in Breitenhain-Strößwitz).

Schwierig gestaltete sich der Umbau des Schulsystems. Sowohl die Neugliederung der Schulformen als auch die Unterrichtsinhalte wurden denen der BRD angepasst. Der Sonnabend als regulärer Unterrichtstag wurde Anfang 1990 abgeschafft. Die Schulen am Centbaumweg und in der Jungferngasse waren nun Regelschulen, an denen sowohl Haupt- als auch Realschulabschlüsse erreicht werden konnten. Nach großem Einsatz des Bürgermeisters Klaus Mailbeck entstand aus der einstigen Theodor-Neubauer-Oberschule ein Gymnasium. Im Jahr 2000 unterrichteten an den Allgemeinbildenden Schulen in Neustadt und Neunhofen 137 Lehrkräfte insgesamt 1322 Schüler.[19] 2005 wurde in der ehemaligen Lessingschule am Kirchplatz ein Schulhort eingerichtet. Nach grundhafter Sanierung zog die Grundschule 2009 in die Schillerschule ein, die Regelschule in die Goetheschule. Die einstige Karl-Marx-Oberschule am Centbaumweg wurde 2010 abgerissen. Im umgebauten Schloss eröffnete die Arbeiterwohlfahrt 2007 die Schloss-Schule.

Das Neustadt mittlerweile als „heimliche Kulturhauptstadt des Landkreises“[20] bezeichnet wird, liegt sicherlich auch darin begründet, dass kulturelles Leben hier Tradition hat. 1992 entstand im Gebäude Kirchplatz 7, 40 Jahre nach Auflösung der Museumsbestände, wieder ein Heimatmuseum. Nach umfangreicher Sanierung des Gebäudekomplexes eröffneten hier 2007 das Stadtarchiv und das Museum für Stadtgeschichte mit 13 Ausstellungsräumen und einem Saal für Sonderausstellungen.

Auch die Stadtbibliothek erhielt ein neues Domizil. 1990 schon kurzzeitig in der Gerberstraße 2 untergebracht, wurde das einstige Gerberei-Lagerhaus und Polytechnische Kabinett entkernt, saniert, neu eingerichtet und im Januar 1994 wiedereröffnet. Gegenüber der Bibliothek, auf der anderen Seite der renaturierten Orla, entstand 2007 der Orlapark. Im Jahr darauf wurde eine Spielskulptur installiert, die als künstlerische Interpretation an den Neustädter Karussellbau erinnern soll.
Nach dem Abriss des Lichtspieltheaters „Capitol“ im Jahr 2011 entstand im Bereich Rodaer Straße/Mühlstraße der „Platz am Rodaer Tor“, der ebenso zum Verweilen einlädt wie das im selben Jahr fertiggestellte Areal an der Storchspforte.

Mit dem Musiksommer, der seit 2007 organisiert wird und dem Kinosommer, der an verschiedenen Stellen der Stadt Filmerlebnisse der besonderen Art bietet, dem Karneval sowie dem Brunnenfest konnte die Kulturtradition der Stadt erfolgreich fortgesetzt werden. Andere begehrte Einrichtungen wie das Volkshaus, der „Weiße Schwan“ oder das Freibad, das nach seiner 1991 vorübergehend geplanten Schließung nicht mehr eröffnet werden konnte, fehlen hingegen vielen Neustädtern im Stadtbild.

Vom Geschehen der Stadt, ihrer Entwicklung und Kultur, berichtet der Neustädter Kreisbote als amtliches Nachrichtenblatt seit dem 3. Oktober 1990 wieder regelmäßig. Auf Grund der schlechten Finanzlage musste er 1943 nach 125 Erscheinungsjahren eingestellt werden. Mit seiner Geschichte und Wiederentdeckung steht der Kreisbote auch symbolisch für die jüngere Vergangenheit Neustadts. Im Einklang mit der Historie bemühten und bemühen sich die Väter, Söhne und Töchter der Stadt, neue Wege zu beschreiten und dabei das Vergangene nicht zu vergessen.

„Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Erneuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen geordnete Verhältnisse, aber keine Bevormundung. Wir wollen freie selbstbewußte Menschen, die doch gemeinschaftsbewußt handeln.“[21] Der Aufruf des Neuen Forums aus dem Jahr 1989 könnte auch Wegweiser für die Zukunft Neustadts sein.

(Co-Autorin Yvonne Jackel; DIeser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 27.7.2012)


[1] Vgl. Schönfelder, Jan: Kirche, Kerzen, Kommunisten. Die demokratische Revolution in Neustadt an der Orla 1989/90. Weimar, Jena 2005. S. 12

[2] Schönfelder [wie Anm. 1], S. 72

[3] Vgl. Schönfelder [wie Anm. 1], S. 92 ff.

[4] Einwohnermeldeamt

[5] Protokoll zur 5. Tagung der Stadtverordnetenversammlung vom 14.11.1989, Stadtarchiv

[6] Vgl. Schönfelder [wie Anm. 1], S. 230 ff.

[7] Stadtverwaltung

[8]Vgl. Ostthüringer Nachrichten (OTN), Orlatal-Kurier, 29.06.1990

[9] OTN, Orlatal-Kurier, 03.07.1990

[10] Lange, Manfred und Wollschläger, Brit: Neustadt an der Orla. Bilder von gestern und heute. Jena 2007. S. 13

[12] Vgl. Korte, Karl-Rudolf: Das vereinte Deutschland 1989/90-2001, 2002.

[13] Vgl. Doehler, Martha und Reuther, Iris: Integriertes Stadtentwicklungskonzept Neustadt an der Orla 2020. Verknüpfung und Pflege der Nachbarschaft von Altstadt und Neustadt-Süd. Neustadt an der Orla, Leipzig 2008, S. 41

[14] Vgl. Stadtentwicklungskonzept Neustadt an der Orla, Stand Januar 2003, S. 9

[15] Vgl. Doehler, Reuther [wie Anm. 13], S. 42

[16] Vgl. Schönfelder, Jan: Aufbruch nach Deutschland. Politische Weichenstellungen in Neustadt an der Orla 1990-1994. Jena 2012.  S. 160 ff.

[17] Vgl. Doehler, Reuther [wie Anm. 13], S. 77

[18] Vgl. Stadtentwicklungskonzept [wie Anm. 14], S. 23

[19] Ebenda

[20] Ostthüringer Zeitung, Lokalteil Pößneck und Umgebung, 30.05.2012

[21] Aufruf des Neuen Forums (undatiert), Akte 8265

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„Seit über 10 Jahren bin ich unter Opfern an Zeit und Geld damit beschäftigt, alle erreichbaren kunst- und bauhistorischen, volkskundlichen, auch prähistorischen und geologischen Denkmäler aller Art von Neustadt und Umgebung im Bilde festzuhalten und so ein Bildwerk zu schaffen, das unsere Zeit in jeder Hinsicht, das Leben und Treiben der Menschen in Stadt und Land und ihrer Arbeit wiedergibt und der Zukunft überliefert […]“[1], schreibt Dr. Karl Ehrlicher in einem Brief am 31. März 1939.

Wilhelm Alfred Karl Ehrlicher wurde am 29. März 1880 in Sonneberg als Sohn des Kaufmanns Louis Ehrlicher geboren. Nach dem Besuch der Bürgerschule und später der Realschule in Sonneberg wechselte Ehrlicher an das Casimirianum in Coburg, wo er im Jahr 1900 das Abitur ablegte.
In Heidelberg, Berlin und München studierte er einige Semester Klassische Philologie, Kunstgeschichte und Germanistik. Die Studien setze Ehrlicher von 1902 bis 1907 in Leipzig fort, wo er 1906 seine Dissertation einreichte („Zur Syntax der Sonneberger Mundart: Gebrauch der Interjection, des Substantivs und des Adjectivs“) und im März desselben Jahres die philosophische Doktorwürde erlangte.
Am 1. Juli 1915 trat Dr. Karl Ehrlicher seinen Dienst im Heer an. Zunächst in Radebg./Dresden, später in Breslau stationiert, wurde Ehrlicher im Oktober 1915 an die Westfront versetzt. Im Juli 1916 geriet er in französische Kriegsgefangenschaft, wo er die nächsten dreieinhalb Jahre vorwiegend als Land- und Hafenarbeiter eingesetzt wurde. Im Februar 1920 nach Sonneberg zurückgekehrt zwangen ihn das erschöpfende Gefangenenleben und die steigende Nervosität durch die Vorbereitung auf das Examen zu einer Pause.
Stand vor dem Krieg noch die Wahl, eine akademische Laufbahn einzuschlagen oder Lehrer zu werden, sah sich Ehrlicher aufgrund der veränderten Verhältnisse „genötigt, [die] akademische Laufbahn endgültig fallen zu lassen.“[2]
Nachdem er im März 1921 das Staatsexamen abgelegt hatte, bat Ehrlicher darum, seine Vorbereitungsdienste im nahegelegenen Hildburghausener Gymasium leisten zu dürfen, um seine Arbeit an Sonneberger Wörterbüchern und Geschichtsstudien fortsetzen zu können.
Seine Bitte fand Berücksichtigung, allerdings nur für die nächsten drei Monate, dann wurde er Studienreferendar in Jena, wo er im September 1923 die pädagogische Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen bestand. Im Anschluss fand er eine Anstellung als Studienassessor am Lyzeum in Meiningen.
Dr. Karl Ehrlicher wurde mit Wirkung vom 1. April 1925 an die Oberrealschule nach Neustadt an der Orla versetzt (heutige Schillerschule), wo er Deutsch, Englisch und Französisch unterrichtete und die ausscheidende Studienrätin Dr. Anna Hirschberg ersetzen sollte. Schon bald begann Ehrlicher, von seinen Schülern auch Dedi oder Detty-Bär genannt, sich für die Neustädter Heimatgeschichte zu interessieren. 1926, im Jahr seiner Ernennung zum Studienrat, übernahm er die Leitung und Beaufsichtigung des Ortsmuseums und sorgte für eine Neuordnung der Museumsgegenstände. Ein weiteres Jahr später begann er, seine Fotosammlung aufzubauen, zumindest sind uns aus dem Jahr 1927 die ersten Fotografien überliefert. Neben der stetigen Erweiterung seiner Fotosammlung unterstützte er Ausgrabungen bei Dreitzsch, am Totenstein und bei den Döbritzer Höhlen, erwirbt sich so große Verdienste um die Aufarbeitung der Heimatgeschichte und legt den Grundstein für zukünftige anschauliche Erinnerungskultur und Geschichtsforschung – bis zum Jahr 1939.
Am 12. April 1939 musste Dr. Karl Ehrlicher seinen Dienst an der Schillerschule in Rudolstadt antreten. Zwei Jahre später forderte ihn das Wehrmeldeamt Rudolstadt auf, sich für einen Dolmetscherposten in der Wehrmacht zu verpflichten. Ehrlicher war zu diesem Zeitpunkt bereits 61 Jahre alt. Vermutlich war es auch einer Stellungnahme seines Schulleiters zu verdanken, dass er den Kriegsdienst nicht ein weiteres Mal antreten musste und am 1. September 1945 in den wohlverdienten Ruhestand eintreten konnte. Im September 1950 kehrte Dr. Karl Ehrlicher nach Sonneberg zurück, wo er am 30. Oktober 1955 unverheiratet und kinderlos starb.

Als ihm die Versetzung aus Neustadt drohte, gab Ehrlicher zu bedenken, dass seine „Arbeit – es handelt sich bis jetzt um ungefähr 4000 Aufnahmen in 42 Bänden – […] natürlich Fragment bleiben [müsste], da hier niemand zu finden ist, der diese Arbeit fortsetzen und abschließen kann.“[3] Leider ist dieses „Fragment“ nicht vollständig überliefert. Trotzdem muss man es als großes Glück werten, dass ca. 2800 Aufnahmen aus der Fotosammlung von Dr. Karl Ehrlicher im Stadtarchiv Neustadt aufbewahrt werden können.

 (Der Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 18.11.2011)

Quellen:

Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Personalakte aus dem Bereich Volksbildung Nr. 5460 und  5460/1

Universitätsarchiv Leipzig, UAL, Phil. Fak. Prom. 6871

Stadtarchiv Neustadt an der Orla, Akte Nr. 9335

Stadtarchiv Neustadt an der Orla, Akte Nr. 9340

Stadtarchiv Sonneberg, Meldeschein

Zur Syntax der Sonneberger Mundart: Gebrauch der Interjection, des Substantivs und des Adjectivs; Inaugural-Dissertation zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde, Leipzig 1906

Neustädter Heimatbote Nr. 9 (1982)

Neustädter Heimatbote Nr. 10

Neustädter Kreisbote, 5. Mai 1926

Neustädter Kreisbote, 12. Mai 1927

Neustädter Kreisbote, 22. Februar 1939

Einwohnerbuch des Landkreises Gera, 1930


[1] ThHStA Weimar, Personalakten aus dem Bereich Volksbildung, Nr. 5460, Bl. 87 f.

[2] Ebenda

[3] HStA Weimar, Personalakten aus dem Bereich Volksbildung, Nr. 5460, Bl. 87 f.

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