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Jüngere Vergangenheit, die vielen noch aus eigenen Erinnerungen bekannt ist, stellt sich immer der Frage der Sichtweise. Diese zu beantworten kann nicht Thema des vorliegenden Beitrages sein, der kein Sammelsurium von Erinnertem sein soll. Er gibt keine umfassende Darstellung von Neustadt zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Mauerfall, sondern wagt, basierend auf schriftlich überlieferten Quellen, einen Rückblick auf einige Ereignisse und Entwicklungen im Zeitraum von 1945 bis 1990.

Der 8. Mai 1945, der als Tag der Befreiung gilt, markiert das Ende des nationalsozialistischen Deutschlands. Der Zweite Weltkrieg hinterließ einen Trümmerhaufen. Die Infrastruktur war zerstört, Nahrungsmittel und Kleidung Mangelware, Familien waren dezimiert und der Wohnraum knapp. Die Umsiedler aus dem Osten, 1946 etwa 2000 Personen, mussten untergebracht werden. Im Schützenhaus, Hotel Böttcher und später in der „Ankermarke“ (eh. Kratzenfabrik Seelemann) wurden Lager eingerichtet.[1] Rohstoffe fehlten, die Gas- und Elektrizitätsversorgung kam vielerorts zum Erliegen. Mit Fuhrwerken und LKWs wurden Kohlen aus den liegengebliebenen Zügen geholt und an die Bäcker verteilt, denn mit leeren Mägen lässt sich schwerlich ein Land wieder aufbauen.

Die Amerikaner, die am 15. April in Neustadt einmarschiert waren, überließen die Stadt am 2. Juli der Roten Armee, die tags zuvor die rote Fahne auf dem Rathaus gehisst hatte. Der Wind drehte sich. In welche Richtung er blies, wurde schon im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta vorgegeben, in der die Staatsoberhäupter der Alliierten über die Aufteilung Deutschlands berieten. Zur Verwaltung der Sowjetischen Besatzungszone, in der auch Neustadt lag, konstituierte sich die Sowjetische Militäradministration (SMAD). Schon einen Tag nach ihrer Gründung gestattete die SMAD am 10. Juni 1945 die Bildung und Tätigkeit von antifaschistischen Parteien. Bereits am 19. Juni gründeten 21 Genossen im Keller der zerbombten Bürgerschule (heutiges Gymnasium) die Ortsgruppe der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Am 11. April 1946 schlossen sich die Neustädter KPD und SPD in der Stadthalle zum Ortsverband der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zusammen.

Die Demontage von Produktionsanlagen der Rüstungsindustrie und die Entnazifizierung bestimmten das politische und wirtschaftliche Geschehen in den folgenden Jahren. Die SMAD-Befehle Nr. 124 und 126 vom Oktober 1945 ordneten an, Vermögenswerte des Deutschen Reiches, der NSDAP und ihrer Organe zu beschlagnahmen. Sequesterkommissionen sollten vor Ort ehemals nationalsozialistisch genutzte Vermögenswerte ermitteln. In Neustadt wurde ein Sequester-Ausschuss ins Leben gerufen. Betriebe, die an der Kriegsproduktion beteiligt waren, Kriegsgefangene oder ausländische Zivilisten beschäftigten oder deren Besitzer in der NSDAP oder anderen nationalsozialistischen Organisationen tätig waren, wurden zur Zwangsverwaltung vorgeschlagen. Nach Beendigung der Sequesterverfahren (Befehl Nr. 64 am 17. April 1948) wurden viele Neustädter Betriebe in Volkseigentum überführt, andere produzierten fortan mit staatlicher Beteiligung.

1948 ordnete die SMAD eine Währungsreform an. Am 19. Juni kamen unter polizeilicher Bewachung die ersten Banknotenbündel, insgesamt 3 000 000 Mark, in Neustadt an. Zwei Nächte hindurch wurden Couponmarken auf die Geldscheine geklebt, um sie gegenüber denen in den Westzonen, wo kurz zuvor ebenfalls eine Währungsreform angekündigt wurde, besonders zu kennzeichnen. Am 24. Juni begann der Umtausch alter Banknoten in die gekennzeichneten „Neuen“. Fünf Wochen später konnte dieses provisorische Geld in die neuen Geldscheine (Deutsche Mark der Deutschen Notenbank) getauscht werden.[2] Der Neustädter Bürgermeister Fritz Seiferth schrieb am 5. August 1948: „Es ist beschämend, daß wir 3 Jahre nach der Waffenruhe, trotz vieler und großer Anstrengungen nicht in die Lage versetzt wurden, einheitliches Geld in unserem Deutschland zu schaffen.“[3]

Das Jahr 1949 sollte für die politische Entwicklung des Landes und der Stadt ein richtungsweisendes Jahr werden. Am 15. und 16. Mai 1949 fand in der Sowjetischen Besatzungszone die Wahl zum „Deutschen Volkskongreß“ statt. Nur knapp 40% der über 7300 Wähler in Neustadt votierten für die Einheitsliste bestehend aus SED, CDU, LDP, NDPD, DBD, FDGB und zehn anderen Organisationen und Einzelpersonen.[4]  Doch im gesamten Wahlgebiet erhielt die Liste offiziellen Angaben zufolge 66,1% der Stimmen. Noch im selben Monat wählte der Kongress den Deutschen Volksrat, dessen Mitglieder sich am 7. Oktober 1949 zur provisorischen Volkskammer konstituierten, welche die „Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik“ zu geltendem Recht erklärte. Die DDR war geboren.[5]

Neustadt gehörte bis zur Bildung des Kreises Pößneck 1952 dem Landkreis Gera an. Im selben Jahr wurde Moderwitz eingemeindet. Zu den größten Problemen gehörte die immer noch schlechte Wohnraumsituation. Im Dezember 1953 wurde auf Beschluss des Ministerrats der DDR eine Verordnung erlassen, die den Zusammenschluss von Arbeitern, Angestellten und Angehörigen der Intelligenz zu Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften (AWG) gestattete. In den 1950er und 1960er Jahren wurden in Neustadt 420 AWG-Wohneinheiten fertiggestellt.[6]

Neben der Verstaatlichung der Betriebe wurde auch die Kollektivierung der Landwirtschaft nach sowjetischem Vorbild angestrebt. 1952 entstand die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG).  Aus dem landwirtschaftlichen Betrieb in Neustadt, der in der Ziegelei untergebracht war, wurde 1953 die LPG Typ III „Orlatal“ gegründet, die zehn Jahre später zur Erhöhung der Leistung in die LPG „Rotes Banner“ Neunhofen übernommen wurde. Auch in den Ortsteilen Moderwitz und Börthen schlossen sich Einzelbetriebe und Bauern zur LPG „Volle Kraft“ und LPG „Friedenseiche“ zusammen. Viele Bauern ließen sich allerdings schwer davon überzeugen, Land, Maschinen und Arbeitskraft in den Dienst des Kollektivs zu stellen. Bis 1960 waren gerade einmal 3,2% der Einzelbauern einer Genossenschaft beigetreten. Als Ergebnis des 8. Plenums des Zentralkomitees der SED im März 1960 stand der Plan, einen „Überfluss an Lebensmitteln zu schaffen, damit alle Menschen unserer Republik wirklich in Wohlstand leben können. Dieses Ziel ist nur zu erreichen, wenn unsere ehemaligen werktätigen Einzelbauern dazu übergehen, sich auf genossenschaftlicher Basis zusammenzuschließen und zielstrebig die sozialistische Großraumwirtschaft durchführen.“[7] Die massive Kampagne zeigte Wirkung. Es gelang, landesweit 85% der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Bewirtschaftung von Genossenschaften zu geben.[8]

Neben den richtungsweisenden politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen bemühte man sich nach dem Krieg um eine kulturelle Wiederbelebung der Stadt, an der Dr. Hugo Hartung maßgeblich beteiligt war. 1946 wurden das Schützenhaus zur jetzigen Stadthalle, Parkanlagen und Spielplätze hergerichtet, die Räumlichkeiten des ehemaligen „Geselligen Vereins“ zum Volkshaus umgebaut. Schon Ende der 1940er Jahre gab es in Neustadt ein vielfältiges Angebot an Veranstaltungen. Schauspiele, Kunstausstellungen, Opern- und Operettenabende, Tanzveranstaltungen, Theater-, Konzert- und Kleinkunstabende fanden in der Stadthalle, im Volkshaus, Café Schloßberg, Klausner Garten, im Eiskeller oder in Boettchers Hotel statt.[9] 1949 gab es zwei Lichtspieltheater.

Um Volkswirtschaftspläne erfüllen zu können und Frauen gleichberechtigt an die Seite der Männer zu stellen, mussten ihnen häusliche Belastungen abgenommen werden. 1953 zog der damals einzige Kindergarten an der Stadthalle in die Ernst-Thälmann-Str. 8 um. Mit den Kinderkrippen am Gamsenteich, in der Rathenaustraße (vorher Dauerheim) und in der Thomas-Müntzer-Straße, den Kindergärten am Centbaumweg, einem weiteren in der Ernst-Thälmann-Straße, dem Kindergarten in Molbitz und den Kinderhorten Am Eiskellerplatz und in der August-Bebel-Straße konnte das Angebot an Betreuungseinrichtungen immer weiter ausgebaut werden.

Auch die Schulen waren vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen. Die Bürgerschule (später Dr.-Theodor-Neubauer-Oberschule, heute Gymnasium), die ab 1942 als Lazarett diente, war nach Bombenangriffen bis auf die Grundmauern ausgebrannt. Unterrichtet wurde ab 1. September 1945 in der Oberrealschule (heute Schillerschule), weil aber die Räumlichkeiten nicht ausreichten auch im Heizhaus der Firma G. A. Seelemann & Söhne, in den Möbelwerken und in der Gasanstalt. Mit der Gründung der Einheitsschule 1947, zu der die Schulgebäude am Kirchplatz (ehem. Mädchenschule) und in der Jungferngasse gehörten, verbesserte sich die Lernsituation. 1948 wurde die nach dem Krieg von der Besatzungsmacht genutzte Goetheschule übergeben und 1950 die Bürgerschule wiedereröffnet. Die Fachräume wurden besser ausgestattet und die Anzahl der Klassenräume und Lehrkräfte erhöht.

Im Jahr 1953 stand das sozialistische System bereits am Rande des Zusammenbruchs. Die Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie litt unter der vorangegangenen Entwicklung. Die sozialen Spannungen unter den Arbeitern verschärften sich. Der Ministerrat der DDR hatte im Mai die Erhöhung der Arbeitsnorm in den volkseigenen Industriebetrieben um etwa 10% gefordert. Eine Welle des Protestes, die einen Tag zuvor mit einer Demonstration in Berlin ihren Anfang nahm, überrollte das Land am 17. Juni. In mehr als 560 Orten demonstrierten die Menschen für eine Herabsetzung der Normen, forderten den Rücktritt der Regierung und freie Wahlen. Mit Hilfe des sowjetischen Militärs wurde der Aufstand niedergeschlagen.

Viele unzufriedene DDR-Bürger flohen in den Westen, unter ihnen auch Neustädter, wie der Besitzer der Bärenbrauerei Alex Küntzel oder der HNO-Arzt Dr. Carnarius. Einige Unternehmer hatten sich in der Nachkriegszeit in Westdeutschland angesiedelt und warben um Fachkräfte aus der Heimat. Allein von Januar bis Oktober 1960 erreichten Betriebsangehörige des VEB Drahtwebstuhlbau 30 Pakete von Emil Jäger aus Münster. Von August 1958 bis Januar 1961 wurden 86 Neustädter Familien als republikflüchtig gemeldet.[10]

Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 und der Sicherung der innerdeutschen Grenze versuchte die SED-Führung, die Bürger im Land zu halten. Ein Jahr lang gab es fast keinen Abgang von Neustädtern auf die andere Seite des nunmehr zementierten „Eisernen Vorhangs“. Mit der im Januar 1962 eingeführten allgemeinen Wehrpflicht wollte man der „geschichtlichen Verantwortung unseres Arbeiter- und Bauern-Staates als der Hüter des Friedens“ Rechnung tragen, denn „Die Taube muß gepanzert sein“, titelt die Volkswacht am 25. Januar 1962.

„Ganz Deutschland soll ein reiches und blühendes Land der friedlichen Arbeit werden, Stolz und Freude für seine Bürger und geachtet unter den Völkern.“ [11], formulierte Walter Ulbricht 1962. Die Parole spiegelte sich in der Entwicklung Neustadts in den 1960ern durchaus wieder. Zahlreiche Gebäude wurden durch Fassadenputz und Anstrich erneuert und eine Interessengemeinschaft hat am Gaswerk 27 Reihengaragen errichtet. In vielen Wohnhäusern wurden Wasserspülklosettanlagen eingebaut, Dächer renoviert oder eingedeckt, Öfen und Herde eingebaut. Gab es 15 Jahre zuvor nur eine staatliche Handelsverkaufsstelle, waren es 1964 schon 36. Die Verkaufsstelle für Obst und Gemüse in der Schloßgasse 15 wurde 1968 u.a. wegen ihrer Sauberkeit, dem Angebot und guter Werbung zur vorbildlichsten im ganzen Kreis erhoben. Auch die Versorgung in der Vorweihnachtszeit schien gesichert. 113 Tonnen Orangen standen im Kreis zur Verfügung, Wein und Sekt war ausreichend im Angebot. Nüsse waren ab 4.12. im Einzelhandel erhältlich, Backzutaten zwei Wochen eher. Der Bedarf an Kakaoerzeugnissen, mit Ausnahme von Weinbrandbohnen ohne Kruste, konnte gedeckt werden.[12]

Doch fehlende Weinbrandbohnen waren nicht der einzige Missstand. Viele Geschäfte entsprachen nicht den Anforderungen einer modernen Handelstätigkeit. Der größte Teil der Verkaufsstellen bestand aus kleinen und mittleren Geschäften mit beengten Lagermöglichkeiten.[13] Auch die Industriewarenverkaufsstellen entsprachen kaum der Forderung nach einer komplexen Versorgung. Die Anzahl und Größe der Gaststätten war ausreichend, wobei eine Verbesserung der Leitung, Bedienung und Sauberkeit ebenso gefordert wurde wie eine bessere Ausstattung.[14]

Eine der wenigen Möglichkeiten für Bürger, sich aktiv und kritisch mit der Produktions- und Planungspolitik in der DDR auseinanderzusetzen, waren Beschwerden in Form von Eingaben. Im Neustadt der mittleren 1960er Jahre wurden etwa 1100 Eingaben pro Quartal gemacht. Die meisten Beschwerden betrafen schlechte Straßen-, Gehwegs-, und Beleuchtungsverhältnisse, vor allem aber Wohnungsangelegenheiten. So machte im Juni 1967 eine sechsköpfige Familie wiederholt darauf aufmerksam, in einer 2 1/2 –Zimmer-Wohnung in der Rodaer Straße leben zu müssen und schon seit vier Jahren vergebens nach einer anderen Wohnung gesucht zu haben.[15] Reklamiert wurden beispielsweise auch lange Wartezeiten für die Reparatur von Waschmaschinen und eine Versorgungslücke bei Fahrradschläuchen. Im Januar 1969 bemängelten Werktätige des VEB Kratzenfabrik, dass die Nachfrage nach elektrischer Weihnachtsbaumbeleuchtung hoch sei, es aber keine zu kaufen gäbe. Neustadt hatte gemäß der 1968 erfassten Umsatzgröße der Spezialverkaufsstelle Elektrowaren nur 70 Stück zugeteilt bekommen.[16]
Mit dem Nationalen Aufbauwerk (NAW) und später der Mach-Mit-Bewegung gab es Initiativen, in denen die Bevölkerung zu freiwilliger und gemeinnütziger Arbeit aufgerufen wurde. So konnten zahlreiche Objekte von gemeinschaftlichem Interesse geschaffen werden: Kindergärten, die chirurgische Abteilung als Haus II des Krankenhauses, das Verkehrszentrum in der Rodaer Straße, Sportstätten und Wasserleitungen. 1963 wurden 2000 m² Gehwege gebaut. Die Schüler des Berufsschulinternates und die Belegschaft der Orla-Kleidung unterstützten die Unterhaltung der Park- und Grünanlagen. Im ersten Halbjahr 1966 haben 879 Bürger 11 952 NAW-Stunden erbracht.[17]

Im April 1968 wurde der erste Volksentscheid in der Geschichte der DDR durchgeführt. Es sollte auch der letzte bleiben. Die Bürger waren aufgerufen, über eine neue Verfassung der DDR abzustimmen. In Neustadt beteiligten sich 99,06% der 7111 Stimmberechtigten an diesem Volksentscheid, über 97% stimmten für die Verfassung.[18] Diese hatte allerdings nur bis 1974 Bestand. Dann trat eine neue Verfassung in Kraft, in der die Verbundenheit zur Sowjetunion bekräftigt und Formulierungen über ein geeintes Deutschland entfernt wurden.

Trotzdem gab es immer wieder Phasen, in denen man eine deutsch-deutsche Annäherung versuchte (Transitabkommen 1971, Grundlagenvertrag 1972). Wurde Anfang der 1950er Jahre noch eine tägliche Brandwache vom Turm der Johanniskirche abgehalten, um die bevorstehende Ernte vor westlichen Angriffen zu schützen, wurde die gesamtdeutsche Arbeit 1955 für gut befunden und in den Rats- und Gemeindevertretersitzungen regelmäßig behandelt.[19] Im Juni 1960 reisten je ein Vertreter vom Rat des Kreises und der Städte Neustadt und Triptis nach Niederbayern, um dort Bürgermeister verschiedener Städte für den Deutschen Städte- und Gemeindetag in Eisenach zu gewinnen und Kontakt zu SPD-Politikern aufzunehmen. Auf Aussprachen mit westdeutschen Besuchern wurde großen Wert gelegt.

Nachdem eine 1970 ausgebrochene Versorgungskrise als überwunden galt, kündigte der neue Parteichef Erich Honecker 1971 auf dem VIII. Parteitag der SED eine Erhöhung des Lebensstandards für die DDR-Bürger an. Auch das Gesicht Neustadts, das in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre über 10 000 Einwohner hatte, veränderte sich an vielen Stellen. 1971/72 wurden abermals eine Reihe von Betrieben verstaatlicht. Es entstanden zahlreiche neue Eigenheime. 1977 fand die Übergabe des ersten Wohnblocks in Neustadt-Süd statt. Etwa die Hälfte der 800 Beschäftigten der Schweinezucht- und -mastanlage bei Weira, die 1978 in Betrieb ging, wohnte hier.[20] Die Kombinierte Kindereinrichtung An der Körnerlinde wurde eröffnet und die Karl-Marx-Oberschule übergeben. Die Sportstätte der Freundschaft mit einem Sportlerheim in der Karl-Liebknecht-Straße wurde eingeweiht (1972) und in der Friedhofstraße entstand eines der modernsten Feuerwehrdepots des Bezirkes Gera (1975). 1976 erfolgte die Eingemeindung von Molbitz mit Döhlen.

Das mit den 1980er Jahren das Kapitel der Deutschen Demokratischen Republik seinen Abschluss findet, hätten wohl die wenigsten geglaubt. Trotz der maroden Bausubstanz an vielen Stellen der Stadt erlebte Neustadt eine Zeit, in der sich Einiges bewegte. Von 1984 bis 1989 wurden 518 Wohnungen modernisiert, 2281 instandgesetzt, Trinkwasserleitungen und Verkehrswege verbessert.  Der Kindergarten Am Rosenweg und die Kaufhalle in Neustadt-Süd wurden eröffnet.[21] Viele Bemühungen um eine sehenswerte Stadtentwicklung verdankt Neustadt der 700-Jahrfeier zur Ersterwähnung der Stadt im Jahr 1987. In Vorbereitung dieses Jubiläums wurden zahlreiche Maßnahmen vorgenommen, den historischen Stadtkern attraktiver zu gestalten. Die Rekonstruktion des historischen Marktplatzes mit der Postmeilensäule an der Ostseite und die Umgestaltung der oberen Rodaer Straße zu einem Fußgänger- und Einkaufszentrum trugen maßgeblich zur Verschönerung des Stadtzentrums bei. Die mittelalterlichen Fleischbänke wurden restauriert und der Busbahnhof vom Marktplatz in die Triptiser Straße verlegt.

1988 feierte man das erste Brunnenfest der Neuzeit und griff damit eine jahrhundertealte Tradition wieder auf. Am 30. April des Jahres fand die Übergabe des Marktbrunnens statt, auf dessen Brüstungsplatten die Zunftzeichen von Handwerkern dargestellt sind, die seit der Stadtentstehung hier ansässig waren. Bild 6: Abriss Volkshaus 2002 (Stadtarchiv, Bestand Kulturamt)

Doch diese ereignisreiche Zeit konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass sich landesweit eine Entwicklung abzeichnete, die das Ende der Deutschen Demokratischen Republik einläutete. Mit Friedensgebeten und Demonstrationen, Unterschriftensammlungen, Lichterketten und Runden Tischen wurde die DDR zu Grabe getragen – ein Land, dessen Lebensdauer auf dem Zeitstrahl der Neustädter Geschichte einen kaum wahrnehmbaren Abschnitt einnimmt und trotzdem ein ganzes Kapitel der Stadtgeschichtsschreibung darstellt, dessen Aufarbeitung vielleicht länger dauern wird, als es die DDR überhaupt gab.

(Dieser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 29.6.2012.)


[1] Vgl. Schreiben des Bürgermeisters an den Landrat vom 24.6.1946, Akte 5603, StA Neustadt

[2] Vgl. Akte 8645, StA Neustadt

[3] Akte 8645, StA Neustadt, Bl. 1

[4] Vgl. Akte 8211, StA Neustadt

[5] Vgl. Malycha, Andreas: Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961). In: Geschichte der DDR. Informationen zur politischen Bildung Heft 312, 2011. S. 49-65

[6] Vgl. Pfannenschmidt, Helmut: Chronologische Aufzeichnungen zur Entwicklung der Stadt Neustadt an der Orla seit 1945. Um 1979. Ergänzt und korrigiert von Hans-Jürgen Trinkl 2004

[7] Akte 8640, StA Neustadt, Bl. 84

[8] Vgl. Malycha, Andreas [wie Anm. 5]

[9] Vgl. Akte 8108 u. 8111, StA Neustadt

[10] Vgl. Akte 10570, StA Neustadt

[11] Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht. Köln, Weimar und Wien 2000. S. 169

[12] Vgl. Akte 10569, StA Neustadt

[13] Vgl. Akte 10569, StA Neustadt

[14] Vgl. Akte 10564, StA Neustadt

[15] Vgl. Akte 10576, StA Neustadt

[16] Vgl. Akte 10568, StA Neustadt

[17] Vgl. Bericht über die politisch-ideologische Lage der Stadt an den Rat des Kreises, Akte 10573, StA Neustadt

[18] Vgl. Akte 8260, StA Neustadt

[19] Vgl. Akte 10565, StA Neustadt, Untersuchung der Verwaltung im Jahr 1955

[20] Vgl. Schönfelder, Jan: Mit Gott gegen Gülle. Die Umweltgruppe Knau/Dittersdorf 1986 bis 1991. Eine regionale Protestbewegung in der DDR. Rudolstadt & Jena 2000

[21] Vgl. Volkswacht, 1. Februar 1989

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