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„Jeder Mensch entwickelt sich, aber manch einer nicht so geradlinig.“ Matthias Sick, Vorstandsmitglied des Thüringer Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e. V. (TLPE), kritisiert übereilte Diagnosen der Mediziner. „Wenn Menschen in Krisen geraten, denen sie psychisch nicht standhalten können, werden sie schnell als chronisch krank abgestempelt. Emil Kraepelin gilt als Begründer der modernen empirisch orientierten Psychopathologie. Er ging davon aus, das Psychiatrie-Patienten kaum Aussicht auf Heilung haben. Seine Ansichten werden auch heute noch vertreten, obwohl sie über 100 Jahre alt sind und es mittlerweile widerlegende Studien gibt.“
Das Projekt EX-IN hat einen völlig anderen Ansatz. Experienced Involvement, das meint eine Mitwirkung (ehemaliger) Patienten, die auf Erfahrungen basiert. Es geht von dem Grundsatz aus, dass jeder Mensch das Potential zur Genesung hat. Psychiatrie-Erfahrene sollen ausgebildet werden, um im psychiatrischen Bereich arbeiten und zusätzlich zu anderen Behandlungen die Genesung begleiten zu können. Dieses Prinzip wird auch vom TLPE unterstützt.
Ein Ziel des im Jahr 2000 gegründeten Verbandes ist es, Mitbürger zu erreichen, bevor sie in die Psychiatrie müssen. Doch wenn sich die ersten Anzeichen einer psychischen Krise zeigen, sind sie meist unvorbereitet. Zum Therapeuten gehen viele erst, wenn sie nicht mehr können, weil die Angst zu groß ist, als „verrückt“ zu gelten. Die Probleme werden dann so akut, dass Klinikaufenthalte zwangsläufig folgen. Dort werden emotionale Krisen oft auf die Biologie reduziert und chemisch behandelt.
„Die Ärzte wissen alles über den Stoffwechsel, aber nicht, wie es den Menschen geht.“ Matthias spricht aus eigener Erfahrung. Nach Depressionen und manischen Phasen, die sein Leben außer Kontrolle brachten, kam auch er ins Krankenhaus. Die medikamentöse Behandlung hätte ihr Ziel verfehlt. Sie sei darauf angelegt, Symptome zu behandeln. Die Ursachen behebe sie jedoch nicht. Zu Bedenken gibt Matthias, dass Psychopharmaka bewusstseinsverändernd wirken, wie Drogen und er fragt: „Gibt es etwa Ärzte, die einem morgens, mittags und abends Bier verschreiben?“ Er will nicht falsch verstanden werden, er ist nicht grundsätzlich gegen Medikamente. Aber Matthias fordert, dass jeder selbst entscheiden kann, ob er Medikamente nimmt.
Der Landesverband bietet Hilfesuchenden auf verschiedene Art Unterstützung an. Er vermittelt in und unterstützt die Gründung neuer Selbsthilfegruppen, gibt Antworten auf fachliche Fragen (z.B. zur Betreuungs- oder Patientenvollmacht), ist Treffpunkt für Informations- und Erfahrungsaustausch und empfiehlt Fachkräfte für Vorträge.
Außerdem ist er in verschiedenen Gremien vertreten. Die Besuchskommission ist ein Kontrollgremium mit einer Art Aufsichtsfunktion für Parlament, Fachbehörden und Öffentlichkeit. Sie geht regelmäßig in Kliniken, berichtet über Behandlungsmöglichkeiten, aber auch von festgestellten Mängeln. Die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Vertretern verschiedener psychiatrischer Einrichtungen und Dienste. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, die Zusammenarbeit der Einrichtungen zu verstärken. Der Landesbehindertenbeirat und der Landesfachbeirat für Psychiatrie sind weitere wichtige und anerkannte Gremien des TMFSG, in denen die Belange von Menschen mit psychischen Problemen und Erkrankungen thematisiert werden.

Kontakt: Thüringer Landesverband Psychatrie-Erfahrener e. V., Tel.: 0361 2 65 84 33, Internet: http://www.tlpe.de
Interessierte zur Verstärkung des Teams sind willkommen. Gesucht wird beispielsweise ein Regionalvertreter für den Umkreis von Jena.

Der Text ist nachzulesen im NOTausgang, Ausgabe 2/2013.

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