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„Seit über 10 Jahren bin ich unter Opfern an Zeit und Geld damit beschäftigt, alle erreichbaren kunst- und bauhistorischen, volkskundlichen, auch prähistorischen und geologischen Denkmäler aller Art von Neustadt und Umgebung im Bilde festzuhalten und so ein Bildwerk zu schaffen, das unsere Zeit in jeder Hinsicht, das Leben und Treiben der Menschen in Stadt und Land und ihrer Arbeit wiedergibt und der Zukunft überliefert […]“[1], schreibt Dr. Karl Ehrlicher in einem Brief am 31. März 1939.

Wilhelm Alfred Karl Ehrlicher wurde am 29. März 1880 in Sonneberg als Sohn des Kaufmanns Louis Ehrlicher geboren. Nach dem Besuch der Bürgerschule und später der Realschule in Sonneberg wechselte Ehrlicher an das Casimirianum in Coburg, wo er im Jahr 1900 das Abitur ablegte.
In Heidelberg, Berlin und München studierte er einige Semester Klassische Philologie, Kunstgeschichte und Germanistik. Die Studien setze Ehrlicher von 1902 bis 1907 in Leipzig fort, wo er 1906 seine Dissertation einreichte („Zur Syntax der Sonneberger Mundart: Gebrauch der Interjection, des Substantivs und des Adjectivs“) und im März desselben Jahres die philosophische Doktorwürde erlangte.
Am 1. Juli 1915 trat Dr. Karl Ehrlicher seinen Dienst im Heer an. Zunächst in Radebg./Dresden, später in Breslau stationiert, wurde Ehrlicher im Oktober 1915 an die Westfront versetzt. Im Juli 1916 geriet er in französische Kriegsgefangenschaft, wo er die nächsten dreieinhalb Jahre vorwiegend als Land- und Hafenarbeiter eingesetzt wurde. Im Februar 1920 nach Sonneberg zurückgekehrt zwangen ihn das erschöpfende Gefangenenleben und die steigende Nervosität durch die Vorbereitung auf das Examen zu einer Pause.
Stand vor dem Krieg noch die Wahl, eine akademische Laufbahn einzuschlagen oder Lehrer zu werden, sah sich Ehrlicher aufgrund der veränderten Verhältnisse „genötigt, [die] akademische Laufbahn endgültig fallen zu lassen.“[2]
Nachdem er im März 1921 das Staatsexamen abgelegt hatte, bat Ehrlicher darum, seine Vorbereitungsdienste im nahegelegenen Hildburghausener Gymasium leisten zu dürfen, um seine Arbeit an Sonneberger Wörterbüchern und Geschichtsstudien fortsetzen zu können.
Seine Bitte fand Berücksichtigung, allerdings nur für die nächsten drei Monate, dann wurde er Studienreferendar in Jena, wo er im September 1923 die pädagogische Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen bestand. Im Anschluss fand er eine Anstellung als Studienassessor am Lyzeum in Meiningen.
Dr. Karl Ehrlicher wurde mit Wirkung vom 1. April 1925 an die Oberrealschule nach Neustadt an der Orla versetzt (heutige Schillerschule), wo er Deutsch, Englisch und Französisch unterrichtete und die ausscheidende Studienrätin Dr. Anna Hirschberg ersetzen sollte. Schon bald begann Ehrlicher, von seinen Schülern auch Dedi oder Detty-Bär genannt, sich für die Neustädter Heimatgeschichte zu interessieren. 1926, im Jahr seiner Ernennung zum Studienrat, übernahm er die Leitung und Beaufsichtigung des Ortsmuseums und sorgte für eine Neuordnung der Museumsgegenstände. Ein weiteres Jahr später begann er, seine Fotosammlung aufzubauen, zumindest sind uns aus dem Jahr 1927 die ersten Fotografien überliefert. Neben der stetigen Erweiterung seiner Fotosammlung unterstützte er Ausgrabungen bei Dreitzsch, am Totenstein und bei den Döbritzer Höhlen, erwirbt sich so große Verdienste um die Aufarbeitung der Heimatgeschichte und legt den Grundstein für zukünftige anschauliche Erinnerungskultur und Geschichtsforschung – bis zum Jahr 1939.
Am 12. April 1939 musste Dr. Karl Ehrlicher seinen Dienst an der Schillerschule in Rudolstadt antreten. Zwei Jahre später forderte ihn das Wehrmeldeamt Rudolstadt auf, sich für einen Dolmetscherposten in der Wehrmacht zu verpflichten. Ehrlicher war zu diesem Zeitpunkt bereits 61 Jahre alt. Vermutlich war es auch einer Stellungnahme seines Schulleiters zu verdanken, dass er den Kriegsdienst nicht ein weiteres Mal antreten musste und am 1. September 1945 in den wohlverdienten Ruhestand eintreten konnte. Im September 1950 kehrte Dr. Karl Ehrlicher nach Sonneberg zurück, wo er am 30. Oktober 1955 unverheiratet und kinderlos starb.

Als ihm die Versetzung aus Neustadt drohte, gab Ehrlicher zu bedenken, dass seine „Arbeit – es handelt sich bis jetzt um ungefähr 4000 Aufnahmen in 42 Bänden – […] natürlich Fragment bleiben [müsste], da hier niemand zu finden ist, der diese Arbeit fortsetzen und abschließen kann.“[3] Leider ist dieses „Fragment“ nicht vollständig überliefert. Trotzdem muss man es als großes Glück werten, dass ca. 2800 Aufnahmen aus der Fotosammlung von Dr. Karl Ehrlicher im Stadtarchiv Neustadt aufbewahrt werden können.

 (Der Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 18.11.2011)

Quellen:

Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Personalakte aus dem Bereich Volksbildung Nr. 5460 und  5460/1

Universitätsarchiv Leipzig, UAL, Phil. Fak. Prom. 6871

Stadtarchiv Neustadt an der Orla, Akte Nr. 9335

Stadtarchiv Neustadt an der Orla, Akte Nr. 9340

Stadtarchiv Sonneberg, Meldeschein

Zur Syntax der Sonneberger Mundart: Gebrauch der Interjection, des Substantivs und des Adjectivs; Inaugural-Dissertation zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde, Leipzig 1906

Neustädter Heimatbote Nr. 9 (1982)

Neustädter Heimatbote Nr. 10

Neustädter Kreisbote, 5. Mai 1926

Neustädter Kreisbote, 12. Mai 1927

Neustädter Kreisbote, 22. Februar 1939

Einwohnerbuch des Landkreises Gera, 1930


[1] ThHStA Weimar, Personalakten aus dem Bereich Volksbildung, Nr. 5460, Bl. 87 f.

[2] Ebenda

[3] HStA Weimar, Personalakten aus dem Bereich Volksbildung, Nr. 5460, Bl. 87 f.

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