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Posts Tagged ‘Mauerfall’

„Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen. […] Nach meiner Kenntnis ist das sofort. Unverzüglich.“ Die Pressekonferenz am 9. November 1989 mit Günter Schabowski, dem damaligen Sekretär des Zentralkomitees der SED für Informationswesen, ist legendär. Überall im Land überschlugen sich die Emotionen. Die Mauer als „antifaschistischer Schutzwall“ schien dem Druck des Volkes nicht mehr standhalten zu können.

Auch in Neustadt an der Orla verbreitete sich die Öffnung der Grenze wie ein Lauffeuer. Noch konnte niemand absehen, welche Auswirkungen die Ereignisse haben würden, die wenig später als friedliche Revolution in die Geschichtsbücher eingehen. Die Zeit war geprägt von Ängsten, aber vor allem auch von Hoffnungen. Mit 19 Friedensgebeten und 15 Demonstrationen entwickelte sich Neustadt zu einem Zentrum des Bürgerprotestes.[1] Eine Schlüsselrolle nahm dabei Pfarrer Peter Tanz ein. Was viele andere dachten, wagte er auszusprechen. Als Vermittler zwischen den noch herrschenden Strukturen und der erstarkenden Opposition schaffte er eine konstruktive Atmosphäre. In einem Friedensgebet sagte er: „Herr, gib den Verantwortlichen in Staat und  Gesellschaft, in den Parteien und Massenorganisationen, die Kraft und den Mut, Fehler und Schuld einzugestehen. Uns aber bewahre davor zu triumphieren.“[2]
600 Menschen fanden am 26. Oktober 1989 den Weg in die Stadtkirche St. Johannis, in der nach dem Friedensgebet die erste öffentliche Demonstration gegen Stalinismus und Staatssicherheit folgte.[3] Beobachtet von der Polizei und der Staatssicherheit wurde dieser Schweigemarsch zum Symbol des Stolzes und der Entschlossenheit.

Neustadt hatte am 31.12.1988 10200 Einwohner. Viele Neustädter verließen in der Folgezeit ihre Heimatstadt. Erst nach 1991, die Einwohnerzahl betrug im Dezember nur noch 9577, ebbte die Abwanderungswelle allmählich ab.[4]
Die Staatssicherheit war aber immer noch allgegenwärtig und analysierte die Lage in diesen für sie politisch schwierigen Zeiten. Längst hatte sie an Bedeutung verloren und versuchte mit aller Macht, die letzte DDR Kommunalwahl  am 7. Mai 1989 zu beeinflussen. Wahlbeobachtern zufolge wurde das bekanntgegebene Ergebnis manipuliert und verdeutlichte einmal mehr die Bevormundung der Bürgerschaft. Die letzten unter diesen Vorzeichen gewählten Volksvertreter nahmen ihre Arbeit auf.

Der demokratische Wandel hinterließ auch in Neustadt seine Spuren. In der fünften Stadtverordnetenversammlung sagte der Bürgermeister Günter Ulitzsch in seinem Rechenschaftsbericht: „Eine Stadtverordnetenversammlung in dieser Phase der Erneuerung und des Umbruchs durchzuführen, birgt die Gefahr in sich, auch viel Falsches zu formulieren bzw. sich auf bestimmte Dinge festzulegen, die durch die gesellschaftliche Entwicklung ganz einfach überholt werden. […] Mit tiefer Erschütterung müssen wir feststellen, dass vieles, an das wir geglaubt haben, wonach wir arbeiteten durch Ignoranz und Schönfärberei, durch Überheblichkeit bis zur Straffälligkeit in höchster Potenz nicht den tatsächlichen Interessen unserer Menschen und der tatsächlichen Lage entspricht.“[5] In dieser Tagung appellierte Günter Ulitzsch an die Stadtverordnetenversammlung, mit dem Neuen Forum zusammenzuarbeiten.

Bereits am 18. Dezember 1989 wurde im Rathaus auf Initiative des „Neuen Forum“ ein „Runder Tisch“ eingesetzt, der den Machtwechsel in der städtischen Verwaltung vorbereiten und begleiten sollte. In diesem Gremium gab Bürgermeister Ulitzsch am 5. Februar 1990 seinen Rücktritt zum Ende des Monats bekannt. Er empfiehlt den Vertretern des Runden Tisches eine Neuwahl des Rates, der sich aus den neuen demokratischen Kräften zusammensetzen sollte.[6] Damit übernahm der „Runde Tisch“ die Verantwortung für die Übergangsphase bis zum frei gewählten Parlament in Neustadt. Die Handlungsfähigkeit der Stadt musste gesichert und die Wahl vorbereitet werden.

Am 6. Mai 1990 fanden die ersten freien demokratischen Kommunalwahlen statt. Die nunmehr 33 statt der bisher 65 gewählten Volksvertreter übernahmen die große Verantwortung, ausgerüstet mit neuen Entscheidungsbefugnissen die Stadt durch den politischen Umbruch zu führen. In ihrer 1. Sitzung am 30. Mai 1990 wählte die Stadtverordnetenversammlung aus ihrer Mitte Klaus Mailbeck zum Bürgermeister und Dr. Hans Jetter zu seinem Stellvertreter. In der Legislaturperiode des ersten frei gewählten Bürgermeisters seit 40 Jahren beginnt eine entscheidende Umstrukturierung der Verwaltung. Mit der Ausgliederung der Kindereinrichtungen, des Gesundheitswesens sowie des technischen Personals der Schulen verringerte sich die Zahl der Mitarbeiter von 362 im Jahr 1990 auf 49 im Jahr 2010.[7] Die städtischen Mitarbeiter des Bauhofes wurden der 1991 gegründeten Stadtwerke Neustadt (Orla) GmbH angegliedert.

Mit dem 1994 geänderten Wahlgesetz wurde der Bürgermeister nun für sechs Jahre und direkt von allen Wahlberechtigten der Stadt gewählt. Seit dieser Zeit nimmt Arthur Hoffmann in seiner nunmehr vierten Amtsperiode den Platz als Bürgermeister ein. Die Wahrnehmung des neu gewonnenen demokratischen Wahlrechts, ohne die Befürchtung der staatlichen Einmischung, war eine der wichtigsten Veränderungen der neuen Gesellschaftsform. Trotzdem ist erkennbar, dass immer weniger Menschen von diesem Instrument der Demokratie Gebrauch machten. Traten zur Kommunalwahl 1990 noch 74,6 % der wahlberechtigten Bevölkerung an die Wahlurnen, nahmen 1999 nur noch rund 65% und zu allen folgenden Kommunalwahlen nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung ihr Wahlrecht wahr.

Ein großer Schritt auf dem Weg zum wiedervereinten Deutschland war der Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Am 18. Mai 1990 unterzeichneten in Bonn die Finanzminister der BRD und der DDR, Theo Waigel und Walter Romberg, den Staatsvertrag, der am 1. Juli in Kraft trat und den Wechsel zur Sozialen Marktwirtschaft besiegelte. Damit übernahm die DDR das währungs-, wirtschafts- und sozialpolitische System der Bundesrepublik. Die Mark der DDR wurde durch die D-Mark ersetzt. An besagtem 1. Juli, einem Sonntag, waren Rathaus, Sparkasse, Post und die Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG) im Weltwitzer Weg von 8 bis 20 Uhr für den Geldumtausch geöffnet.[8] Die lokale Presse vermutete, dass das „Gesellschaftsspiel Schlangestehen“ nun wohl ausgestanden sei. Viele Menschen hätten nach dem Erhalt der begehrten Scheine an den Auszahlstellen einen Stadtbummel unternommen. „Die ersten Märker sind freilich am Sonntag verflüssigt worden. Im Biergarten am Kreiskulturhaus beispielsweise, auf dem Marktplatz in Neustadt, wo der Rost brannte, oder auf dem Volksfest der Orlastadt.“[9]

Wenige Monate später, am 3. Oktober, wurde ein viel größeres Fest in Neustadt, Deutschland und über die neuen deutschen Grenzen hinaus gefeiert. Der „Eiserne Vorhang“, der seit dem Zweiten Weltkrieg die Welt politisch in Ost und West teilte, wurde mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes offiziell geöffnet.

„Gewerbe ansiedeln, um Arbeitsplätze zu schaffen und langfristig Steuereinnahmen für die Stadt zu sichern – das war das Wichtigste.“[10], erinnerte sich der ehemalige Bürgermeister Klaus Mailbeck an den kommunalpolitischen Fahrplan nach der Wiedervereinigung. Doch die Umstellung der Wirtschaft und der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft war mit großen Problemen verbunden. Bis Mitte der 1990er Jahre mussten dramatische Strukturumbrüche vollzogen werden. Die „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“ hatte die Aufgabe, landesweit etwa 8000 volkseigene Betriebe mit mehr als vier Millionen Beschäftigten zu sanieren und zu privatisieren.[11] Doch viele Betriebe konnten dem Wettbewerb im neuen System nicht standhalten. Ihr Aufbau war betriebswirtschaftlich uneffektiv, Maschinen veraltet und die Nachfrage nach den Produkten, die mit der Einführung der D-Mark für den osteuropäischen Markt zu teuer waren, sank rapide.[12]

Das bekamen auch viele Neustädter Betriebe zu spüren. Der VEB Textima musste 1996 (mittlerweile als Hollingsworth GmbH) schließen. Der VEB Metallweberei ging kurz nach der Privatisierung 1990 mit 200 Beschäftigten in Konkurs. Der VEB Orla-Kleidung stellte Anfang 1991 seinen Betrieb ein, die Orlaguß GmbH folgte 1992. In anderen Betrieben sollte ein Personalabbau den Konkurs aufhalten. Von einst 650 Beschäftigten der Wotufa waren im Juli 1991 noch 50 übrig. Draweba, 1993 privatisiert, existierte nur noch bis Ende 1994 mit zuletzt 85 Beschäftigten. Das für viele Veranstaltungen genutzte „Glashaus“ fiel dem ebenfalls zum Opfer.

Trotz des Strukturwandels, der eine bis dahin unbekannte Arbeitslosigkeit mit sich brachte, wurden auch Erfolgsgeschichten geschrieben. Es gelang, einige traditionelle Industrie- und Gewerbestandorte zu erhalten und neues Gewerbe anzusiedeln. Waren 1990 nur 152 Gewerbe registriert, konnten 2007 bereits 727 Gewerbeeinrichtungen erfasst werden.[13] Die Entstehung des Gewerbegebietes am östlichen Stadtrand war eine wichtige Grundlage, Unternehmen nach Neustadt zu locken. 1992 begann die Erschließung der Fläche, die mit der Nähe zum Güterbahnhof und mit direktem Anschluss an die B 281 verkehrsgünstig gelegen war. Im Mai 1993 nahm die Spezialbaufirma Otto Alte-Teigeler als erste Firma im Gewerbegebiet ihre Arbeit auf. Im Laufe der nächsten Jahre siedelten sich mehr als 20 Betriebe an, die den Wirtschaftsstandort Neustadt sicherten und über 1300 Arbeitsplätze schufen. 2002/2003 waren 2867 Personen in Neustadt beschäftigt, davon 1392 in Industriebetrieben. Die Arbeitslosigkeit war nach wie vor ein großes Problem. 1996 waren 768 Neustädter arbeitslos gemeldet, vier Jahre später 834.[14] Zu den 1288 Arbeitslosen im Jahr 2007 kamen noch fast 1400 Leistungsempfänger nach dem SGB II.[15]

Neben der Verlagerung der Industrie an den Stadtrand war auch der Bau der Umgehungsstraße eine wichtige Voraussetzung für die weitere Stadtentwicklung. Mit kurzfristigen Lösungen, die den Durchgangsverkehr besser organisieren sollten, gaben sich die Neustädter Bürger nicht zufrieden. Demonstrativ wurde die Bundesstraße blockiert, um ihrer Forderung nach einer Ortsumgehung Druck und Öffentlichkeit zu verleihen. Zur gleichen Zeit sprach Bürgermeister Mailbeck im Verkehrsministerium in Bonn vor. Die Aktionen hatten Erfolg, Anfang 1992 erhielt die Stadt für das Projekt Ortsumgehung grünes Licht.[16] Der offizielle erste Spatenstich erfolgte am 7. Dezember 1996 durch Franz Schuster, den Thüringer Wirtschaftsminister. Vier Jahre später konnte die neue Trasse der B 281 für den Verkehr freigegeben werden.

Mit der Verlagerung der Bundesstraße an Neustadts Peripherie war auch der Grundstein für den Erhalt und die Sanierung der Altstadt gelegt. Dazu beschloss die Stadtverordnetenversammlung 1990 vorbereitende Untersuchungen zur Stadtsanierung, die 1992 und 1994 konkretisiert wurden.  Die jahrzehntelange Vernachlässigung der Bausubstanz forderte nun ihren Tribut. Herausgearbeitete Rahmenbedingungen zur Stadterhaltung und Stadtentwicklung sicherten die kontinuierliche Abarbeitung der festgelegten Sanierungsschwerpunkte. Der mittelalterliche Stadtkern wurde hierfür in Quartiere eingeteilt.

Umfangreiche Sanierungsarbeiten erfuhr das Rathaus, das zu Recht als schönstes spätgotisches Rathaus Ostthüringens bezeichnet wird. Putzarbeiten, die Sicherung des Daches und weitere substanzerhaltende Arbeiten wurden auch am vormals vom Abriss bedrohten sogenannten Lutherhaus vorgenommen. Im Januar 2011 entschied der Stadtrat über die Nutzung des Lutherhauses als städtisches Museum und damit über den Erhalt des 1574 erbauten Gebäudes als begehbares Schaudenkmal. Auch die Sparkasse erhielt ein neues Gesicht. 1994 wurde das Geldinstitut wiedereröffnet und 2012 mit einer neuen Fassade versehen.

Kaum ein anderes Projekt erregte die Gemüter der Stadt so sehr wie der Marktstock. Der marode Gebäudekomplex wurde 1996 abgerissen, der Wiederaufbau bzw. die Gestaltung des Neubaus aber teilweise sehr kritisch bewertet. Der Bismarckturm, zwischenzeitlich aus ideologischen Gründen nach Adolph Elle benannt, konnte am 3. Oktober, am ersten Jahrestag der Wiedervereinigung, nach 30 Jahren Zweckentfremdung wiedereröffnet werden. Die in neuem Glanz erstrahlende Innenstadt lässt sich vom zentrumsnahen Parkdeck aus, das 1995 eröffnet wurde, gut erreichen.

Auch außerhalb der einstigen Stadtmauern wurde saniert und neu gebaut. 1996 erfolgte die Übergabe der Vereinshäuser am Parkdeck. Im darauffolgenden Jahr konnte die Sport- und Festhalle in der Friedhofstraße übergeben und 2003 der Ersatzneubau der Schwarzen Brücke fertiggestellt werden. Mit der 2007 abgeschlossenen Neugestaltung des Kirchplatzes entstand hinter der Stadtkirche eine schön gestaltete Ruhezone mit Parkplätzen, die seitdem auch für Festlichkeiten genutzt wird. Viele Straßen im gesamten Stadtgebiet wurden grundhaft erneuert. Die Hugo-Hartung-Straße entlastet seit 1994 als Verbindungsstraße zwischen Mühlgraben/Goethestraße und Karl-Liebknecht-Straße den innerstädtischen Verkehr.

Der Ausbau und die Verbesserung der Wohnsituation ist seit jeher ein wichtiges Augenmerk der Stadtentwicklung. Mit der Erschließung des Wohngebietes „Auf dem oberen Griese“ 1995 konnten wichtige Flächen zur Ansiedlung von Eigenheimen angeboten werden, ebenso in den Baugebieten „Am Hain-Molbitz“, in der Hugo-Hartung-Straße und am Kalkofen. In Neustadt-Süd dagegen trug der Abriss von Blöcken in der Thomas-Müntzer Straße und in der Florian-Geyer Straße der Abwanderung aus dem Stadtteil Rechnung, in dem 2007 nur noch rund 1500 Neustädter wohnten, etwa 1000 weniger als 12 Jahre zuvor.[17]

Neustadt an der Orla wurde 1994 dem durch Zusammenlegung der Kreise Lobenstein, Pößneck und Schleiz neu gebilden Saale-Orla-Kreis angegliedert. Ebenfalls 1994 wurden Neunhofen und Lichtenau eingemeindet, 2010 Breitenhain-Strößwitz.
Mit dem politischen und wirtschaftlichen Beitritt der DDR zur BRD stand auch das Erziehungs- und Bildungssystem auf dem Prüfstand. Von den einst drei Kinderkrippen, fünf Kindergärten und einer Kombinierten Kindereinrichtung waren 2002 nur noch drei Kindertagesstätten in Betrieb (inklusive dem Kindergarten „Märchenland“ in Neunhofen). In dieser Zeit waren 282 der 285 Tagesplätze belegt.[18] Auch heute sind die vier Kindertagesstätten mit ca. 390 Plätzen ausgelastet (hinzugekommen war der Kindergarten in Breitenhain-Strößwitz).

Schwierig gestaltete sich der Umbau des Schulsystems. Sowohl die Neugliederung der Schulformen als auch die Unterrichtsinhalte wurden denen der BRD angepasst. Der Sonnabend als regulärer Unterrichtstag wurde Anfang 1990 abgeschafft. Die Schulen am Centbaumweg und in der Jungferngasse waren nun Regelschulen, an denen sowohl Haupt- als auch Realschulabschlüsse erreicht werden konnten. Nach großem Einsatz des Bürgermeisters Klaus Mailbeck entstand aus der einstigen Theodor-Neubauer-Oberschule ein Gymnasium. Im Jahr 2000 unterrichteten an den Allgemeinbildenden Schulen in Neustadt und Neunhofen 137 Lehrkräfte insgesamt 1322 Schüler.[19] 2005 wurde in der ehemaligen Lessingschule am Kirchplatz ein Schulhort eingerichtet. Nach grundhafter Sanierung zog die Grundschule 2009 in die Schillerschule ein, die Regelschule in die Goetheschule. Die einstige Karl-Marx-Oberschule am Centbaumweg wurde 2010 abgerissen. Im umgebauten Schloss eröffnete die Arbeiterwohlfahrt 2007 die Schloss-Schule.

Das Neustadt mittlerweile als „heimliche Kulturhauptstadt des Landkreises“[20] bezeichnet wird, liegt sicherlich auch darin begründet, dass kulturelles Leben hier Tradition hat. 1992 entstand im Gebäude Kirchplatz 7, 40 Jahre nach Auflösung der Museumsbestände, wieder ein Heimatmuseum. Nach umfangreicher Sanierung des Gebäudekomplexes eröffneten hier 2007 das Stadtarchiv und das Museum für Stadtgeschichte mit 13 Ausstellungsräumen und einem Saal für Sonderausstellungen.

Auch die Stadtbibliothek erhielt ein neues Domizil. 1990 schon kurzzeitig in der Gerberstraße 2 untergebracht, wurde das einstige Gerberei-Lagerhaus und Polytechnische Kabinett entkernt, saniert, neu eingerichtet und im Januar 1994 wiedereröffnet. Gegenüber der Bibliothek, auf der anderen Seite der renaturierten Orla, entstand 2007 der Orlapark. Im Jahr darauf wurde eine Spielskulptur installiert, die als künstlerische Interpretation an den Neustädter Karussellbau erinnern soll.
Nach dem Abriss des Lichtspieltheaters „Capitol“ im Jahr 2011 entstand im Bereich Rodaer Straße/Mühlstraße der „Platz am Rodaer Tor“, der ebenso zum Verweilen einlädt wie das im selben Jahr fertiggestellte Areal an der Storchspforte.

Mit dem Musiksommer, der seit 2007 organisiert wird und dem Kinosommer, der an verschiedenen Stellen der Stadt Filmerlebnisse der besonderen Art bietet, dem Karneval sowie dem Brunnenfest konnte die Kulturtradition der Stadt erfolgreich fortgesetzt werden. Andere begehrte Einrichtungen wie das Volkshaus, der „Weiße Schwan“ oder das Freibad, das nach seiner 1991 vorübergehend geplanten Schließung nicht mehr eröffnet werden konnte, fehlen hingegen vielen Neustädtern im Stadtbild.

Vom Geschehen der Stadt, ihrer Entwicklung und Kultur, berichtet der Neustädter Kreisbote als amtliches Nachrichtenblatt seit dem 3. Oktober 1990 wieder regelmäßig. Auf Grund der schlechten Finanzlage musste er 1943 nach 125 Erscheinungsjahren eingestellt werden. Mit seiner Geschichte und Wiederentdeckung steht der Kreisbote auch symbolisch für die jüngere Vergangenheit Neustadts. Im Einklang mit der Historie bemühten und bemühen sich die Väter, Söhne und Töchter der Stadt, neue Wege zu beschreiten und dabei das Vergangene nicht zu vergessen.

„Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Erneuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen geordnete Verhältnisse, aber keine Bevormundung. Wir wollen freie selbstbewußte Menschen, die doch gemeinschaftsbewußt handeln.“[21] Der Aufruf des Neuen Forums aus dem Jahr 1989 könnte auch Wegweiser für die Zukunft Neustadts sein.

(Co-Autorin Yvonne Jackel; DIeser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 27.7.2012)


[1] Vgl. Schönfelder, Jan: Kirche, Kerzen, Kommunisten. Die demokratische Revolution in Neustadt an der Orla 1989/90. Weimar, Jena 2005. S. 12

[2] Schönfelder [wie Anm. 1], S. 72

[3] Vgl. Schönfelder [wie Anm. 1], S. 92 ff.

[4] Einwohnermeldeamt

[5] Protokoll zur 5. Tagung der Stadtverordnetenversammlung vom 14.11.1989, Stadtarchiv

[6] Vgl. Schönfelder [wie Anm. 1], S. 230 ff.

[7] Stadtverwaltung

[8]Vgl. Ostthüringer Nachrichten (OTN), Orlatal-Kurier, 29.06.1990

[9] OTN, Orlatal-Kurier, 03.07.1990

[10] Lange, Manfred und Wollschläger, Brit: Neustadt an der Orla. Bilder von gestern und heute. Jena 2007. S. 13

[12] Vgl. Korte, Karl-Rudolf: Das vereinte Deutschland 1989/90-2001, 2002.

[13] Vgl. Doehler, Martha und Reuther, Iris: Integriertes Stadtentwicklungskonzept Neustadt an der Orla 2020. Verknüpfung und Pflege der Nachbarschaft von Altstadt und Neustadt-Süd. Neustadt an der Orla, Leipzig 2008, S. 41

[14] Vgl. Stadtentwicklungskonzept Neustadt an der Orla, Stand Januar 2003, S. 9

[15] Vgl. Doehler, Reuther [wie Anm. 13], S. 42

[16] Vgl. Schönfelder, Jan: Aufbruch nach Deutschland. Politische Weichenstellungen in Neustadt an der Orla 1990-1994. Jena 2012.  S. 160 ff.

[17] Vgl. Doehler, Reuther [wie Anm. 13], S. 77

[18] Vgl. Stadtentwicklungskonzept [wie Anm. 14], S. 23

[19] Ebenda

[20] Ostthüringer Zeitung, Lokalteil Pößneck und Umgebung, 30.05.2012

[21] Aufruf des Neuen Forums (undatiert), Akte 8265

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