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Posts Tagged ‘Mordfall’

Als Marie Rosine, Frau des Johann Kahlert aus Börthen bei Neustadt an der Orla, am Mittag des 4. November 1830 nach Hause kam, bot sich ihr ein Bild des Schreckens. Ihre elfjährige Tochter Christiane Wilhelmine lag in einer Lache aus Blut und mit dem Gesicht nach unten leblos auf dem Boden der Wohnstube. Sie hatte schwere Kopfverletzungen und eine tiefe Schnittwunde am Hals.

Am Morgen war ein Fremder in das Haus der Familie Kahlert gekommen, die den Gemeindeschank gepachtet hatte. Das Haus befand sich am Fußweg, der von Neustadt über Börthen nach Roda führte, in Nachbarschaft zum Hausgrundstück Nr. 9 (heute Sandweg 2). Der junge Mann fragte nach Branntwein und kaufte Brot. Als Marie Rosine nach Neustadt zur Arbeit aufbrach, ließ sie ihre Tochter mit dem Fremden allein, denn auch der Vater, Handarbeiter in Neustadt, war schon aus dem Haus. Die Annehmlichkeit der warmen Stube nutzend, bestellte der Fremde noch einige Gläser Bier und Schnaps. Als er dem Mädchen mangelndes Zahlungsvermögen gestand, kam es zum Streit, in dessen Verlauf er auf den Kopf der Kahlertschen Tochter einschlug und ihr den Hals durchschnitt. Daraufhin durchsuchte er die Kammern nach Schnapsvorräten, fand auch einiges Geld und Kleidungsstücke, die er aber blutverschmiert zurückließ.

Dem Mörder fielen bereits zwei Tage zuvor die hochschwangere Maria Rosine Wetzel aus dem Dorf Märien (im Fürstentum Reuß-Greiz) und ihr ungeborenes Kind zum Opfer. Mit Beil, Meißel und Messer hatte er der jungen Frau schwere Verletzungen an Kopf und Hals zugefügt. Das Kind konnte trotz eilig ausgeführten Kaiserschnitts nicht gerettet werden.

Der Täter floh über Roda bis nach Jena. Dort wurde Karl Wilhelm Oertel aus Möschlitz (heute Ortsteil von Schleiz) in einem Gasthof festgenommen. Er gestand die Morde.

Oertels Vater war der Besitzer der Möschlitzer Fallmeisterei und zugleich Scharfrichter. Karl musste seinem Vater schon im Alter von zehn Jahren zur Hand gehen und gemeinsam mit seinem Bruder die Leichname von Selbstmördern wegschaffen. Auch nach dem Tod seines Vaters arbeitete Karl Oertel in diesem anrüchigen Gewerbe. Bereits zweimal wegen Diebstählen und Betrügereien mit Peitschenhieben, Arbeits- oder Zuchthaus bestraft, wurde er im Oktober 1830 vom Schleizer Scharfrichter Mai entlassen. Fortan trieb er sich in der Gegend herum, gab sein Geld für Branntwein aus und wurde wenige Tage später zum dreifachen Mörder.

Nach seiner Festnahme und den anschließenden Verhören wurde Oertel ins Gefängnis auf der Osterburg in Weida gebracht, wo im Jahr darauf Richter Karl Ernst Hickethier das letzte Todesurteil des Criminalgerichtes auf der Osterburg fällte. Obwohl die großherzogliche Regierung angewiesen hatte, den Hinrichtungstag so lange wie möglich geheim zu halten, strömten Menschenmassen zu Fuß, mit Pferd, Karren oder Leiterwagen zum Richtplatz. Mit großem Aufwand musste die Urteilsvollstreckung vorbereitet werden, was nicht geheim bleiben konnte. Die Schützenkompanie leistete Tag und Nacht Wach- und Patroulliendienst, die Feuerwache wurde auf das Doppelte verstärkt. Bäcker und Fleischer sollten die Lebensmittelversorgung gewährleisten. Wirte und Herbergsväter der damals 2500 Einwohner zählenden Stadt mussten auf den Menschenansturm vorbereitet werden. Die Nachricht vom bevorstehenden Ereignis hatte sich wie im Fluge verbreitet.

Am 19. Februar 1833, einem Dienstagmorgen, wurde Karl Wilhelm Oertel auf einer Hochebene nahe Weida aufs Schaffott geführt.
Um 9 Uhr vollstreckte der Scharfrichter Christian Binder aus Eisenberg vor 20 000 Schaulustigen das Urteil mit dem Schwert. Die Hinrichtung des Fallknechts Karl Wilhelm Oertel vor 180 Jahren war die letzte öffentliche Hinrichtung in Weida.

(Dieser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 26.7.2013)

Quellen:

Annalen der deutschen und ausländischen Criminal=Rechtspflege. Dreizehnter Band. Altenburg 1840.

Bankwitz, Alfred Robert: Sensation in Weida vor 100 Jahren. In: Weidaer Geschichtsblätter für Geschichte und Heimatkunde der Stadt Weida und ihrer Umgebung. Nr. 4, Juli 1937.

Neustädter Kreisbote, 06.11.1830.

Neustädter Kreisbote, 13.11.1830.

Neustädter Kreisbote, 23.02.1833.

Neustädter Kreisbote, 25.12.1912.

Thüringer Kriminalchronik hingerichteter Verbrecher. Nach den Akten und von ihren Wärtern erzählt. Arnstadt/Leipzig 2006.

Kirchenarchiv Neustadt an der Orla

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