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Thilo Schoder gilt als erfolgreichster Thüringer Architekt des Neuen Bauens. Diese Stilrichtung der Architektur, die sich nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte, ist gekennzeichnet von einer zweckmäßigen und rationalen Bauweise. Mit neuen Materialien wie Glas, Stahl, Beton und Backstein ließen sich einfache Formen realisieren. Dekorative Elemente traten in den Hintergrund.

Zwischen 1919 und 1932 hat Thilo Schoder nicht nur, aber vorwiegend auf thüringisch-sächsischem Gebiet, Bedeutendes geleistet. Die meisten seiner Bauten erlangten bis 1997 Denkmalstatus. Und doch geriet Schoder in Vergessenheit. Seine Emigration nach Norwegen 1932, die einschneidende Zeit des Nationalsozialismus und auch die deutsche Teilung mögen dazu beigetragen haben. Eine Ausstellung im Herbst 1997 in der Geraer Kunstsammlung hat dem Architekten 18 Jahre nach seinem Tod wieder Öffentlichkeit verschafft und damit den Weg geebnet, dass sein Werk Anerkennung findet.

Karl Wilhelm Thilo Schoder wurde am 12. Februar 1888 in Weimar geboren. Das jüngste Kind des Gastwirts Bernhard Christian Theodor Schoder und seiner Frau Therese Amalie wuchs mit vier Geschwistern auf und besuchte die Volksschule und das Gymnasium in seiner Geburtsstadt. Seine 14 Jahre ältere Schwester Marie war, entdeckt von Gustav Mahler, eine gefeierte Sängerin an der Wiener Hofoper und eine der bedeutendsten Sopranistinnen ihrer Zeit. Auch ihr Bruder Thilo war musisch begabt, nahm Klavier- und Gitarrenunterricht, schrieb kleine Kompositionen, Gedichte und Erzählungen und wollte zunächst Opernsänger werden.

Sein Interesse für kunstgewerbliches Zeichnen ließ ihn dann aber einen anderen beruflichen Weg einschlagen. 1906/07 war Schoder Privatschüler des belgisch-flämischen Designers, Architekten, Malers und Vordenkers des Bauhauses Henry van de Velde. Als dieser in Weimar das Kunstgewerbliche Institut gründete (ab 1908 Großherzoglich-Sächsische Kunstgewerbeschule), begann Schoder dort die Ausbildung zum Innenarchitekten, ab Ostern 1910 als Meisterschüler van de Veldes. Nach einem Studienaufenthalt in Wien arbeitete Thilo Schoder einige Jahre in dessen Atelier, ehe er, nach van de Veldes Übersiedlung in die Schweiz 1917, einen Arbeitsvertrag mit Alfred Golde erhielt, dem Geschäftsführer eines Geraer Autokarosserieunternehmens. Schoders Karosserie-Entwürfe als Chefdesigner sorgten für große Aufmerksamkeit.

Anfangs wegen einer Herzschwäche als untauglich eingestuft, wurde Schoder 1917 doch noch zum Kriegseinsatz einberufen. Nachdem sich der Kanonier und Zeichner von der Westfront zurückgemeldet hatte, ließ er sich 1919 in Gera nieder. Dort gelang ihm mit dem Industriebau Golde der Durchbruch als Architekt. Sein „Atelier für Architektur, Innendekoration und Kunstgewerbe“ befand sich ab 1920 im sogenannten Fürstlichen Kavalierhaus in Gera-Untermhaus, wo er auch wohnte. Seiner Heirat mit der jüdischen Schauspielerin Margarete Lichnovsky, die er am Geraer Theater kennengelernthatte, folgte die Geburt des Sohnes Rolf. In den anschließenden schaffensreichen Jahren hinterließ Thilo Schoder in Sachsen und Thüringen vielerorts Spuren, vor allem in Gera. Das er auch für Auftraggeber aus Neustadt an der Orla vier Gebäude plante, von denen zwei ausgeführt wurden, ist nur Wenigen bekannt.

Obwohl Schoder während seiner gesamten Schaffenszeit immer wieder Aufträge für sozialen Wohnungsbau bekam (von ihm projektierte Wohnsiedlungen entstanden beispielsweise in Hermsdorf, Gera, Saalfeld, Meuselwitz und Kristiansand/Norwegen), galt er als „auserwählter Baumeister der ‚oberen Zehntausend‘ “[1] Zu denen zählte wohl auch die Neustädter Fabrikantenfamilie Seelemann. Aus dem Jahr 1923 ist das Projekt ‚Landhaus Seelemann‘ Thilo Schoders überliefert.[2] Der Auftraggeber des Baus, der nicht ausgeführt wurde, könnte der Großherzoglich Sächsische Kommerzienrat Franklin Seelemann gewesen sein, denn er stand in dieser Zeit in Verbindung Thilo Schoder. Gemeinsam mit seinem Bruder Alfred führte Franklin Seelemann die Kratzen- und Maschinenfabrik G. Anton Seelemann & Söhne in der Mühlstraße.

Als das Firmengelände 1922 um eine neue Maschinenhalle erweitert werden sollte, übertrugen die Fabrikbesitzer die Bauleitung an Thilo Schoder.[3] Nach erfolgter Baugenehmigung im Oktober des Jahres konnte drei Monate später der Rohbau abgenommen werden. Im Februar 1923 fand die Schlussrevision statt. Entstanden war ein durch eiserne Stützen und Binder sowie Oberlicht konstruierter Arbeitssaal mit daran anschließenden kleineren Räumen für Schmiede, Härterei, Werkbänke, Modelle, Lager für fertige Teile, Rohgusslager und Motorraum. Im vorderen, der Straße zugelegenen Teil befanden sich die Büros des Betriebsleiters und des Werkmeisters. Wegen des Geländegefälles war der Keller im Ausgang des Gebäudes (mit dem Eingang für die Arbeiter) ebenerdig. Darin befanden sich Heizungskeller, Kohlenraum, Wasch- und Ankleideraum für 16 Arbeiter und ein Frühstücksraum. Nach dem Zweiten Weltkrieg, der Demontage und späteren Enteignung des Seelemann’schen Betriebes wurde das Gebäude vom VEB Regulus, später vom VEB Drahtwebstuhlbau genutzt. 1996 konnte eine umfangreiche Generalsanierung abgeschlossen und trotz des neuen Zeitgeistes das Erbe Thilo Schoders erhalten werden. Das zuständige Architekturbüro erstellte auch ein Farbempfehlungskonzept nach Schoder, das in die Gestaltung einfloss. In den folgenden Jahren wurden die Räumlichkeiten vom Schützenverein, der Volkshochschule und bis heute als Fitnessstudio genutzt.

Eine andere Spur Thilo Schoders ist mittlerweile aus dem Stadtbild verschwunden. Franz Fritzsche plante 1922 die Erweiterung seiner Tuchfabrik am Standort Triptiser Straße 7. Hinter den schon bestehenden Gebäuden sollte eine Spinnereihalle errichtet werden. Auch für dieses Projekt verpflichtete man Thilo Schoder.[4] In der dreischiffigen Halle mit Satteldächern wurden elektrisch betriebene Krempeln und Selfaktoren untergebracht. An der Süd-West-Ecke schloss sich ein kleiner Wolfraum an. Drei große Oberlichter, die auf den Firstpunkten der Giebeldächer eingebaut waren und ringsumherlaufende, 2,40 m hochliegende Fenster sollten für genügend Licht sorgen.
Das alte Gebäude, in dem sich sowohl Kontorräume als auch die Spinnerei befanden, konnte nun rein für Bürozwecke umgebaut werden. Die Maßnahme wurde im Juni 1923 begonnen und ebenfalls von Schoder konzipiert. Durch den Haupteingang an der Giebelseite betrat man eine kleine Vorhalle mit Glastüren und Oberlichtern. Von hier aus gelangte man zu den Büros, Lager- und Abstellräumen. Der Fußboden wurde aus Kiefernholz gefertigt und die sanitären Anlagen mit nunmehr drei Wasserspülklosetts vergrößert. In der ersten Etage wohnte der Hausmeister.
Die Gebäude gehörten später zum VEB Neustädter Tuchfabrik, ab 1972 zum VEB Volltuchwerke Crimmitschau, Werk III. Weil ihre technische Lebensdauer bereits weit überschritten und eine nachträgliche Stabilisierung nicht vertretbar war, wurden die Fabrikgebäude 1998 abgerissen.

Mit den Industriebauten für die Kratzen- und Maschinenfabrik Seelemann und der Tuchfabrik Franz Fritzsche endete Thilo Schoders Wirken in Neustadt. Ein weiteres Projekt im Jahr 1924, ein Wohnhaus für A. Mehlhorn, kam nicht zur Ausführung.[5]

Wer durch Schoders Werksverzeichnis und Ausstellungskataloge blättert, erkennt dessen Vielseitigkeit. Ob Industriegebäude, Wohnsiedlungen, Villen, Landhäuser, Möbelstücke, Schmuck oder Bucheinbände – seine klare, spannungsreiche Formensprache findet überall Ausdruck. Bis Mitte der 1920er Jahre hat sich Schoder als Architekt etabliert, beschäftigte zeitweise bis zu 15 Mitarbeiter. Auch auf kulturellem Gebiet engagierte er sich. 1924 trat er dem „Weimarer Kulturrat“ bei, einer Vereinigung von Künstlern und Intellektuellen, der auch Walter Gropius und Lyonel Feininger angehörten.

1928, zwei Jahre nach der Trennung von seiner Frau Margarete, heiratete er die norwegische Sopranistin Bergljot Brandsberg-Dahl. Schoder geriet zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Nachdem er schon zuvor seine Mitarbeiter entlassen musste, schloss er 1932 schließlich sein Architekturbüro in Gera. Die Weihnachtsferien verbrachte die Familie in Norwegen, kehrte aber nicht nach Deutschland zurück und siedelte nach Flekkefjord (Südnorwegen) über. Als Thilo Schoder 1936 die Arbeitserlaubnis für Norwegen erhielt, gründete er in Kristiansand ein eigenes Architekturbüro. Er nahm wieder Kontakt zu Henry van de Velde auf und führte auch zahlreiche Briefwechsel, u.a. mit Elisabeth Förster-Nietzsche, Schwester und Nachlassverwalterin des Philosophen Friedrich Nietzsche, und dem Maler Edvard Munch, mit dem er auch freundschaftliche Bande geknüpft hatte.

Aus der Wirtschaftsflucht der Familie wurde immer deutlicher auch eine politische Emigration. 1930 lehnte Thilo Schoder die Mitgliedschaft in der NSDAP ab, 1939 erhielt er nach einer Denunziation des deutschen Wahlkonsuls in Kristiansand Aufenthaltsverbot für Gera. Ein Jahr später wurde Schoder von der Gestapo für mehrere Wochen inhaftiert und willigte schließlich zu einigen Arbeiten für die Besatzungsmacht ein. Musste er sich nach 1945 in seiner neuen Heimat dem massiven Vorwurf des Landesverrats stellen, konnte er nach erfolgreicher politischer Rehabilitation als Architekt in Südnorwegen erfolgreich weiterarbeiten. Nach einem leichten Schlaganfall 1957 zog sich Schoder allmählich ins Privatleben zurück. Am 8. Juli 1979 starb er in Kristiansand.

Thilo Schoders Architektur hat das Stadtbild Neustadts weder geprägt noch verändert. Und doch sollte man sich, 125 Jahre nach seiner Geburt, in ehrendem Gedenken an ihn erinnern. Schoder gab zwei Industriegebäuden, in denen viele Neustädter in Lohn und Brot standen, ein Erscheinungsbild, dessen architektonische Bedeutung leider viel zu lange ungewürdigt blieb.

 (Der Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 22.2.2013)

 

Quellen:

 

Akte 12 589, Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Archiv der Akademie der Künste Berlin, Thilo-Schoder-Archiv

Bauakte Mühlstraße 16 (B 72), Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Bauakte Triptiser Straße 7 (B 108), Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Pfannenschmidt, Helmut; Trinkl, Hans-Jürgen: Chronologische Aufzeichnungen zur Entwicklung der Stadt Neustadt an der Orla seit 1945, um 1979, 2004, Stadtarchiv Neustadt an der Orla

Lorenz, Ulrike: Thilo Schoder. Ein Architekt im Spannungsfeld der Moderne. Leben und Werk in Deutschland (1888-1936). Jena 2001

Mailbeck, Robert: Die verspätete Industrie. Wirtschaft und kommunale Entwicklung in Neustadt an der Orla im 19. Jahrhundert. Weimar & Jena 2006

Ostthüringer Zeitung, Lokalteil Pößneck, 04.11.1996

Ostthüringer Zeitung, Lokalteil Pößneck, 08.03.2003

http://www.architekt.de/Architekturstil/neues_bauen.php [Seitenaufruf 02.01.2013]

http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44921 [Seitenaufruf 02.01.2013]


[1] Lorenz, S. 120

[2] WV 35, Vgl. Lorenz, S. 360

[3] WV 29, Vgl. Lorenz, S. 348 f.

[4] WV 28, Vgl. Lorenz, S. 348

[5] WV 38, Vgl. Lorenz, S. 361

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