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„Er redet ungern über sich selbst; das, was er zu sagen hat, stellt er lieber auf der Bühne dar oder drückt es mit Dichterworten aus […].“, beginnt ein Beitrag zum 40-jährigen Bühnenjubiläum von Gerhard Rachold im „Neuen Tag“ vom 6. September 1989.

Einige Neustädter werden ihn noch kennen, ist er doch hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und kam auch nach seinem Wegzug immer wieder gern in seine Heimatstadt zurück. In den Erinnerungen seiner Neustädter Bekannten ist Gerhard Rachold der KARO-rauchende Schauspieler, der meist Bösewichte und Draufgänger spielte, gemeinsam mit Rolf Herricht und Gojko Mitic vor der Kamera stand und nach dem einen oder anderen Glas Whisky gern „Faust“ rezitierte.

Das Wissen um Racholds privaten und beruflichen Werdegang hält sich allerdings in Grenzen. Da sich sein Todestag nun zum 20. Mal jährt, soll an dieser Stelle sein Lebensweg etwas genauer betrachtet werden.
Gerhard Rachold wurde am 3. September 1928 als Sohn des Schuhmachermeisters Gustav Hermann und seiner Frau Erna Marie, geb. Ebert, in Ranis geboren. Die Familie Rachold war schon Ende des 18. Jh. in Neustadt ansässig. 1876 erwarb der Schuhmachermeister Karl Gustav Rachold, der vorher in der Sackgasse wohnte, das Haus Carl-Alexander-Straße Nr. 13, heute Ernst-Thälmann-Straße 47. 1906 übernahm der mit dem Prädikat „Hofschuhmacher“ geehrte Friedrich Hermann, der Großvater Gerhard Racholds, das Gebäude. Es blieb bis 1983 in Familienbesitz, ehe es ins „Eigentum des Volkes“ überging und 1992 an Gerhard Rachold rückübertragen wurde.
Hier in der Ernst-Thälmann-Straße, in der drei Generationen der Familie dem Schuhmacherhandwerk nachgingen, verbrachte Gerhard Rachold also seine Kindheit und Jugend. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er noch als Flakhelfer eingezogen und arbeitete nach seiner Rückkehr in der Ziegelei sowie in der Landwirtschaft. Sehr fasziniert hat ihn der Zirkus. Er soll sogar als Seiltänzer aufgetreten sein.

1947 legte Gerhard Rachold sein Abitur in Neustadt ab. Schauspielerische Ambitionen zeigte er schon als Jugendlicher. An Vortragsabenden, an denen Schülerinnen und Schüler Szenen aus Goethes gleichnamiger Tragödie vortrugen, mimte er den Faust. Der Grundstein für eine schauspielerische Karriere schien damit gelegt. Im Oktober 1947 zog Rachold nach Weimar. Dort absolvierte er eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik, am Studio des Deutschen Nationaltheaters. 1949 kam er mit dem Ensemble des Deutschen Nationaltheaters nach Neustadt. Im Programm der Puschkin-Feier, die am 27. Juli im Volkshaus abgehalten wurde, sprach Rachold verschiedene Werke des russischen Nationaldichters.

Noch vor Gründung der DDR schloss er seine Ausbildung ab und wechselte 1949 an ein privates Theater im sächsischen Stollberg. Diese Zeit wird als abenteuerlich beschrieben, denn die Schauspieler hatten Kostüme und Bühnenausstattung teilweise selbst anzufertigen. Von 1950 bis 1955 spielte Rachold an den Theatern in Staßfurt, Crimmitschau und an den Städtischen Bühnen Erfurt, u.a. den Major Ferdinand von Walter in Friedrich Schillers„Kabale und Liebe“, ebenso wie den Bürgersohn Brackenburg in  Goethes „Egmont“.
Nachdem Rachold sein Engagement am Erfurter Theater 1955 auf eigenen Wunsch beendet hatte, wirkte er bis 1960 am Theater der Freundschaft in Berlin, wo er auch erste Erfahrungen mit  Kinder- und Jugendtheater sammeln konnte.

Der Name Gerhard Rachold wird heute oftmals mit den zahlreichen DEFA-Filmen verbunden, in denen er mitspielte. Sein Filmdebüt gab er 1956 im Spielfilm „Zwischenfall in Benderath“ des ungarisch-deutschen Regisseurs János Veiczi. In dem Streifen, der Antisemistismus an einer westdeutschen Schule im Nachkriegsdeutschland thematisiert, spielt Rachold den Primaner Rudolf Hacker. Zu den bekanntesten Filmen, die in den folgenden Jahrzehnten unter der Mitwirkung des einstigen Neustädters entstanden, gehören „Berlin – Ecke Schönhauser“ (er spielt einen Schläger), „Die schwarze Galeere“ (als Leone della Rota), „Der Reserveheld“ (als Ausbilder Hauptmann Hottas), „Die Söhne der großen Bärin“ (als Leutnant Roach) und „Ein Schneemann in Afrika“ (als Bootsmann). Zu hören ist Rachold bei Hörspielsendungen im Rundfunk oder mit Gesangstiteln in der „Spitzenparade“ und in der Satiresendung „Die aktuelle Ätherwelle“.

Freunden gegenüber äußerte er immer wieder den Wunsch, dass er gern mehr klassische Rollen und nicht immer nur den Bösewicht spielen wolle. Auch weil er den direkten Kontakt zum Publikum suchte, zog es ihn immer wieder zum Theater. So wundert es nicht, dass er Gastspiele an verschiedenen Bühnen gab, beispielsweise in Schwerin (Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“) oder an der Volksbühne Berlin (Tolstois „Krieg und Frieden).

Ab 1967 arbeitete Rachold am Kleist-Theater in Frankfurt (Oder), wo u.a. „Nathan der Weise“, „Othello“  und „Lorbaß“ auf dem Programm standen. Nach drei Jahren kehrte er Frankfurt (Oder) den Rücken, ehe er 1977 dorthin zurückkehrte, das Unterwegssein beendete und blieb. Es folgten erfolgreiche Jahre an der Frankfurter Bühne mit unzähligen Auftritten. In Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ spielte er gemeinsam mit Gitta Schweighöfer, der Mutter des heute allseits bekannten Schauspielers und Regisseurs Matthias Schweighöfer. Seine literarischen Interpretationen waren sehr beliebt und die Wilhelm-Busch-Abende ausverkauft.

1989 beging Gerhard Rachold sein 40jähriges Bühnenjubiläum. Er galt als einer der besten Schauspieler des Kleist-Hauses in Frankfurt (Oder), wie es bereits vier Jahre später in den Nachrufen stehen wird. Nach dem Tod seiner Frau Sabine zeigte er erste Anzeichen einer Depression. Am 18. Mai 1993 beendete Gerhard Rachold sein Leben, indem er sich aus dem neunten Stock eines Hochhauses stürzte.

„Seid mir nur nicht gar zu traurig, / Daß die schöne Zeit entflieht, /Daß die Welle kühl und schaurig / Uns in ihre Wirbel zieht;[…] Laßt uns lieben, singen, trinken, /Und wir pfeifen auf die Zeit;  /Selbst ein leises Augenwinken /Zuckt durch alle Ewigkeit.“ (Wilhelm Busch: Kritik des Herzens)

 

(Dieser Text ist nachzulesen im Neustädter Kreisboten, 17.5.2013)

 

Quellen:

Auskunft Altmann, Uwe  (Theater Crimmitschau, März 2013).

Auskunft Herzberg, P. (Theater Erfurt, März 2013).

Eberhardt, Karin: So wurde er vor 40 Jahren Schauspieler. In: Frankfurt-Information, Oktober 1989.

Märkische Oderzeitung, 21.05.1993.

Der Morgen, 30.08.1989.

Neuer Tag, 06.09.1989.

Neustädter Kreisbote, 30.07.1898.

Stadtarchiv Neustadt, Akte 8108.

Stadtarchiv Neustadt, Bestand Einwohnermeldeamt Nr. 13.

Stadtverwaltung Neustadt, Grundsteuerakte Ernst-Thälmann-Straße 47.

Unsere Heimat. Unterhaltungsbeilage zum Neustädter Kreisboten. 27.01.1934.

Unsere Heimat. Unterhaltungsbeilage zum Neustädter Kreisboten. 29.01.1938.

Wachter, Volker: Gerhard Rachold. http://www.parkaue.de/index.php?topic=22&personId=1304 (18.03.2013).

http://www.filmportal.de (25.04.2013).

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